Ralf Siebig

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    Keine Waffen

    „Waffen“ wichtiger als das eigene Leben?

    01.08.2026

    Ralf Siebig

    © 2026 Ralf Siebig. Alle Rechte vorbehalten.


    1. Ben

    Karl der Portier, ein großer kräftiger Mann mit rundlichem Gesicht und einer Glatze, stand vor dem Eingang eines Nobelhotels am Ufer des Hudsons. Die zwei Reihen Messingknöpfe an seiner schicken dunkelblauen Portiersuniform, glänzten in der Sonne. Auf seiner ebenfalls dunkelblauen Schildkappe, stand in goldenen Buchstaben der Name des Hotels. Er beobachtet die zahlreichen Passanten die an ihm vorübergingen.

    Er war stolz darauf die Gäste in diesem noblen Hotel begrüßen zu dürfen. Was man auch an seiner Haltung und seines Gesichtsausdruck deutlich erkennen konnte. Karl viel der Mann, der aus einem Taxi ausstieg, das vor dem Hoteleingang stoppte, sofort auf.

    Denn diese Person war Barfuß, hatte kurz geschorene Haare, fast eine Glatze und einen drei Tage Bart. Auch seine Kleidung passte nicht zu den Gästen, die Er üblicher weiße hier, am Hoteleingang begrüßte. Das verschmutzte, vermutlich ehemals weiße T-Shirt hing lose über seine mit Öl befleckten Jeans und über seiner Schulter hing ein schwarzer Rucksack.

    Auch die Passanten die vorübergingen schauten auf den Mann der sich auf den Weg Richtung Hoteleingang machte. Wie konnte man sich so in der Öffentlichkeit zeigen? Was hat er hier, vor diesem Nobelhotel in Hoboken zu suchen? Ist das ein Terrorist? Man konnte in ihren Gesichtern erkennen was jeder von ihnen über diesem Mann dachte.

    Die einen rümpften die Nasse, andere runzelten die Stirn und pressten ihre Augenbrauen zusammen. Es gab auch welche die stehen blieben und ihn mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund anstarrten.

    Ben Stone, so hieß der Mann, der Barfuß auf den Eingang des Hotels zuging. Ihn interessierte die Meinung der Anderen über sein Äußeres kein bisschen. Hauptsache er fühlte sich wohl. Karl der ihn die ganze Zeit im Auge behielt stellte sich ihm, in seiner Portiersuniform und einem Lächeln im Gesicht, in den Weg. „Kann ich ihnen irgendwie behilflich sein?“ fragte Karl.

    Ben schaute ihn ebenfalls lächelnd an. „Nein Danke! Ich find schon alleine Zurecht!“ „Ist nicht das erste Mal das ich hier Absteige!“ Verwundert schaute Karl ihn von oben bis unten an. „Sie sind Gast in diesem Hotel?“ „Ja, und ich würde gerne in meine Suite gehen und mich ein wenig frischmachen!“  Misstrauisch und mit einer ernsten Mine begutachtete Karl den Mann der vor ihm stand.

    Karl arbeitete zwar erst seit einem halben Jahr für dieses Hotel und hatte in dieser kurzen Zeit schon viele verrückte Gäste kommen und gehen sehen. Doch so jemanden, in diesem Aufzug, noch nie. „Entschuldigen sie die Unannehmlichkeiten, doch ich würde dies gerne überprüfen!“ Karl traute der Sache nicht. Mit einer Handbewegung winkte er einen Pagen der im Eingangsbereich stand zu sich. „Paul könntest du bitte an der Rezeption nachfragen ob dieser Herr, Gast in unserem Hotel ist!“

    Der Page den Karl herbeigerufen hatte, drehte sich zu Ben und begutachtete in genauso wie es Karl kurz zuvor getan hatte. „Wie ist ihr Name Sir?“ fragte er Ben mit einer bestimmten aber respektvollen Stimme. Ben schenkte auch dem Pagen ein freundliches Lächeln. „Ben Stone, Suite 1012“ Mit einem kurzen Nicken drehte Paul sich um und verschwand hinter der Eingangstür.

    Es dauert keine Minute da war er auch wieder zurück. Er schien gerannt zu sein den er war völlig außer Atem. „Entschuldigen sie die Unannehmlichkeiten Mr. Stone, kann ich ihnen irgendwie behilflich sein!“ Mit Erstaunen schaute Karl der Portier Paul den Pagen an, dann ging sein Blick zu Ben.

    Verdammt dachte er, du weißt doch, dass du die Gäste nicht nach ihrem äußeren beurteilen sollst. „Entschuldige sie Sir, dass ich sie Aufgehalten habe!“ Das Bedauern über sein Vorurteiliges verhalten konnte man in seiner Stimme hören.  „Geht schon in Ordnung, ist nicht das erste Mal das mir das Passiert!“ beruhigte Ihn Ben. Mit etwas übertriebener Höflichkeit begleitet Karl Ben zur Eingangstür und öffnet diese. „Noch einmal, verzeihen sie mir dieses Missverständnis!“ Ben ignorierte die widerholte Entschuldigung des Portiers.

    Nach dem Betreten der Hotelhalle macht er sich auf den Weg zur Rezeption. Dort hatte sich die Nachricht, dass Ben vom Portier wegen seines Aussehens aufgehalten wurde, bereits herumgesprochen.

    Eine junge Frau mit einem Knoten in ihren braunen Haaren und einer großen Brille auf ihrer kleinen Stupsnasse, begrüßte Ben sichtlich irritiert. „Guten Morgen Mr.Stone! Was ist passiert? Hatten sie einen Unfall? Oder wurden sie sogar Überfallen?“ Ben konnte die Sorge um sein Wohlbefinden in ihrer Stimme hören und auch ihr Gesicht zeigte Sorgenfalten.

    Er fragte sich ob er ihr Erzählen sollte das das Taxi, das ihn vom Flughafen zum Hotel bringen sollte, eine Panne hatte. Ben war ein Mensch, der Probleme erkannte und fast immer eine schnelle Lösung fand.

    Ben war sofort klar, als der Wagen an einer Ampel plötzlich ausging, was der Grund dafür war. Der Wagen bekam keinen Sprit mehr. Nachdem der Fahrer, Ben versichert hatte dass der Tank voll sei, bot Ben ihm an mal nachzuschauen woran es liege.

    Der Fahrer stimmte zu und öffnete die Motorhaube. Ben schaute sich den Benzinfilter an den er als Verursacher der Panne in Verdacht hatte. Wie er vermutet hatte war dieser total verdreckt. Ben reinigte kurzer Hand den Filter und der Wagen lief wieder, so dass sie die Fahrt zum Hotel fortsetzen konnten.

    Ben entschloss sich, diese Geschichte, für sich zu behalten. „Nein Danke der Nachfrage, alles in Ordnung, mir geht es gut!“ Helene die Rezeptionistin hinter dem Tresen schaute besorgt auf Ben. „Sind sie sicher? Sie sehen ziemlich ramponiert aus! „Mir geht es gut!“ Versicherte ihr Ben noch einmal. „Es gab nur ein Problem mit dem Taxi das mich vom Flughafen hierher bringen sollte!“

    „Könnte ich bitte den Schlüssel für meine Suite haben!“ Helene reichte Ben seine Schlüsselkarte. „Ich wünsche ihnen trotz der Unannehmlichkeiten noch einen schönen Tag Mr.Stone!“ Ben bedankte sich und begab sich zum Fahrstuhl der sich auf der gegenüberliegenden Seite der Rezeption befand.

    Er war eigentlich nicht der Typ, der in solchen Noblen Hotels, in Mitten einer Großstadt wie New York, abstieg. Er liebte die Natur, die Freiheit, das weite Land. Doch einmal im Jahr kam er hierher um seine Geschäftspartner zu treffen.

    Eigentlich ging es ihm nicht um die Geschäftspartner, vielmehr ging es ihm darum seine beiden Töchter, die hier lebten und Arbeiteten, zu sehen. Nachdem er vor mehr als zehn Jahren nach Kanada ausgewandert war sah er die beiden nur noch  zu Weihnachten oder wie heute zu einem Geschäftlichem treffen.

    Ben war der Boss einer der größten Solaranlagen Hersteller der Welt. Nun ja nicht mehr der Boss eher ein stiller Teilhaber. Er hatte hunderte von Patenten auf seinen Namen und war dadurch extrem Reich geworden. Er wusste nicht genau wie Reich er war und es interessiert ihn auch nicht, zumindest machte er sich keine Gedanken darüber. Was einfach ist wenn man genug davon hat.

    Er machte sich mehr Gedanken über die Menschen die um ihre Existenz kämpfen mussten. Um die, die wenig oder auch Garnichts besaßen. Ein Großteil seines Vermögens floss in wohltätige Einrichtungen wie Notunterkünfte,  Pflegedienste und Kindertagesstäten.

    Er hatte mehrere Kontrolleure eingestellt die sicherstellten, dass sich keiner an seinen Zuwendungen bereichern kann. Ben achtete sehr darauf, dass sein Geld auch dort ankam wofür es bestimmt war. Er haste es wenn sich Menschen an der Armut anderer noch bereichern. Unzählige Hilfsorganisationen verbrauchten mehr Geld für ihre Verwaltung als für die denen sie helfen sollten.

    Seine älteste Tochter Anna und ihrem Mann Tom leitete seit seinem Rückzug die Firma. Die beiden haben sein Unternehmen zu dem gemacht was sie heute ist. Er selbst hatte zwar immer noch die Aktienmehrheit doch er hielt sich aus allen Geschäftlichen Angelegenheiten raus.

    Seine zweite Tochter, Hanna besaß eine gutgehende Praxis für Physiotherapie hier in Manhattan, direkt an der Wall-Street. Ihre Praxis war auf Monate hin ausgebucht. Die Börsenmakler und Banker in der Nähe versuchten alles um einen Termin in ihrer Praxis zu bekommen. Manche versuchten es sogar mit Bestechung, worauf sie sich aber natürlich nicht einließ. Sie war eine äußerst korrekte und selbstbewusste Frau.

    Ben war der stolzeste Vater der Welt, aber vermutlich konnte, dass fast jeder Vater von sich behaupten. Es war nicht sein verdienst das seine Töchter zu solchen starken Frauen herangewachsen waren.

    Der verdienst gehört einzig und allein seiner Ex-Frau Lea, ihrer Mutter.  Sie war für Ben die stärkste und kämpferische Frau auf diesem Planeten. Trotz ihres Krebsleidens und anderen Gesundheitlichen Problemen, schaffte sie es alleine, zwei anfangs wilde und dickköpfige Kinder, zu selbstbewussten und starken Frauen heranzuziehen.

    Er selbst spielte nur eine Nebenrolle. Ihm war die Arbeit an seinen Projekten wichtiger als seine Beziehung. Was auch zu ihrer Trennung führte. Viel zu spät wurde ihm klar was er durch sein Verhalten verloren hatte. Nach ihrer Trennung hatte Ben einige lockere Beziehungen zu denen er immer noch Kontakt hatte. Aber eine feste Bindung kam für ihn nicht mehr in Frage.

    Heute ist die Mutter seiner Kinder seine beste und einzige Freundin. Lea war eine der wenigen Frauen die es nicht auf sein Geld abgesehen hatte und eine der wenigen die seine Lebensphilosophie verstand oder es zumindest versuchte sie zu verstehen. Er würde alles für sie tun.

    Ein sanfter Gong riss Ben aus seinen Gedanken. Die Fahrstuhltür vor der Ben stand öffnete sich. Leichte Klaviermusik schalte ihm entgegen. Ben fragte sich wie jemand darauf kommen konnte das Musik in einem Fahrstuhl für Entspannung sorgen soll. Nun Ja, Ben musste dieses Geklimper über sich ergehen lassen wenn er bequem in die zehnte Etage zu seiner Suite kommen wollte.

    Den Treppenaufgang zu benutzen wäre eine Möglichkeit gewesen um dieser Fahrstuhlmusik zu entgehen, aber nur wenn man sportlich genug dafür wäre. Ben war aber nicht der Sportlich Typ, was man, wenn man ihn sah Betrachtete, eigentlich nicht vermuten konnte.

    Er war muskulös, besaß einen Waschbrettbauch und sah auch sonst ziemlich fit aus. Mit seinen 62 Jahren hatte er sich hervorragend gehalten. Die Natur hatte es gut mit ihm gemeint und ihm diesen Körper geschenkt. Die einzigen Sportarten die Ben betrieb waren Darts und Schach, für Konzentration und Geist.

    Ben betrat den Fahrstuhl, drückt auf den runden Knopf auf dem eine 10 zu sehen war und wartete. Die Türen des Fahrstuhls schlossen sich und dieser setzte sich in Bewegung. Ben konnte spüren wie sein ganzer Körper an den Boden des Fahrstuhls gepresst wurde. Einen Augenblick später war wieder alles normal bis plötzlich ein Gefühl der Schwerelosigkeit über ihn kam. Der Aufzug kam zum Stehen und die Türen öffneten sich.

    Diese Schnellaufzüge waren fantastisch für Menschen die das Gefühl einer Achterbahnfahrt liebten. Er selbst war nicht dieser Mensch, er hatte es lieber etwas gemütlicher. Das Leben auf der Erde war in den letzten Jahren immer schneller und hektischer geworden. Ben bevorzugte es Langsam und Entspannt durchs Leben zu gehen, man konnte auch so an sein Ziel gelangen.

    In seiner Suite angekommen warf Ben seinen Rucksack auf das Sofa welches mitten im Raum platziert war und begab sich ins Bad. Nach einer ausgiebigen Dusche zog er frische Kleidung, die er zusammengerollt in seinem Rucksack mitgebracht hatte, an. Seine verschmutzte Sachen packte er in einen Stoffbeutel mit dem Aufdruck „Wäsche Service“ den er im Bad vorfand.

    Diesen legte er auf die Anrichte neben der Eingangstür. Ben wusste, dass der Zimmerservice diesen im Laufe des Tages abholen und in die Reinigung bringen würde.  Von seiner Suite aus hatte Ben eine wunderbare Aussicht auf den Hudson River und die Skyline von Manhattan. Seit zehn Jahren kam Ben nun einmal im Jahr nach New York, immer das gleiche Hotel, immer dieselbe Suite.

    Es war schon Mittag geworden und Ben bekam langsam Hunger. Nicht weit vom Hotel gab es ein kleines Restaurant, das Ben, wenn er in der Stadt war, öfters besucht hatte. Das Ainsworth Hoboken war ein Juwel unter den Hoboken-Restaurants. Dieses Restaurant und seine Bar verband seine raffinierte, stilvolle Umgebung mit Speisen, Getränken und Dienstleistungen, die ihn nie enttäuscht hatten.

    Ben musste sich beeilen, um noch vor dem großen Andrang um die Mittagszeit im Restaurant  zu sein. Das Lokal war gut gefüllt als er dort eintraf. Doch er hatte Glück. Ein Tisch am Fenster, von wo aus er die Skyline von Manhattan sehen konnte, wurde gerade frei. Nachdem er gegessen hatte, ging er in den kleinen Park, der sich in der Nähe des Restaurants befand.

    Er setzte sich auf eine der Parkbänke und holte aus seiner Hosentasche ein Päckchen mit Zigarillos. Seine Töchter und seine Ex-Frau mochten es überhaupt nicht, wenn er rauchte. Ben hatte schon oft versucht, das Rauchen aufzugeben doch er hat es nie geschafft. Für ihn war das Rauchen eine Art Entspannung. Auch wenn es ungesund war.

    Während er entspannt den Rauch der Zigarillo in den blauen Himmel von New York entweichen ließ, beobachtete er die Fähren, die auf dem Hudson River kreuzten. Mit seinen Töchtern war er erst am Abend verabredet und er überlegte, was er in der Zwischenzeit tun könnte.

    Ein älterer Mann im grauen Anzug ging an ihm vorbei. Nach ein paar Schritten blieb der Mann stehen und drehte sich zu Ben um. „Mr. Stone?“ fragte der Fremde. Ben schaute den ihm unbekannten Mann fragend an. „Kennen wir uns?“ Der Fremde kam zurück zur Bank auf der Ben saß. „Sie erinnern sich vielleicht nicht mehr an mich aber ich bin der Arzt, der Sie damals nach Ihrem Unfall behandelt hat!“

    Ben wurde klar, dass dieser Mann von dem Vorfall sprach, der sein ganzes Leben verändert hatte. Dieses Ereignis lag nun schon über zehn Jahre zurück und er konnte sich wirklich nicht an jeden erinnern, der ihm damals geholfen hatte. „Tut mir leid, Mister, aber ich kann mich wirklich nicht an Sie erinnern!“ „Das ist verständlich Mr. Stone es sind auch schon einige Jahre seither vergangen!“

    Der fremde  Mann streckte Ben seine Hand entgegen.  „Dr. Parker aus San Francisco!“  „Erinnern Sie sich jetzt?“ Ben kam dieser Name irgendwie  bekannt vor. Doch genau wusste er es nicht. Schließlich lag er nach seinem Unfall drei Monate lang im Koma und es waren viele Ärzte daran beteiligt, ihn wieder auf die Beine zu bekommen.  Dr. Parker setzte sich neben Ben auf die Bank und fing an, seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen.

    Ben interessierte das überhaupt nicht. Er konnte mit diesem Mann einfach nichts anfangen. Ben drückte seine Zigarillo auf der Parkbahn aus und warf sie in den daneben stehenden Müllbehälter.

    „Verzeihen Sie, Dr. Parker, dass ich Sie unterbreche aber ich habe noch einen Termin. Es war schön Sie getroffen zu haben und noch mal vielen Dank für Ihre Hilfe damals!“ Ben gab Dr. Parker noch die Hand und machte sich auf den Weg zurück ins Hotel.

    Dort angekommen fragte er an der Rezeption, ob die Hotelbar schon geöffnet sei. Er brauchte jetzt unbedingt einen Drink. Die Begegnung mit Dr. Parker hatte bei ihm einige Erinnerungen wieder hervorgeholt und er musste daran denken, dass es da etwas gab, was niemals ein Mensch erfahren durfte. Die Hotelbar war geöffnet und er bestellte sich einen doppelten Scotch ohne Eis.

    Ben war zu dieser Zeit der einzige Gast in der Bar. Nachdem der Barkeeper Ben seinen Drink gebracht hatte polierte er die auf dem Tresen stehenden Gläser für den abendlichen Ansturm. Ben nippte an seinen Drink. Eigentlich war die Sache für ihn schon längst vom Tisch. Die Welt würde niemals erfahren, was er damals entdeckt hatte. Dieser Planet war dafür noch nicht bereit.

    „Probleme?“ fragte der Barkeeper, während er weiter die Gläser polierte. Ben schaute von seinem Glas auf. Da er der einzige Gast in der Bar war, konnte nur er gemeint sein. „Nein!“  „Alles in Ordnung!“ „Danke der Nachfrage!“ Ben trank den letzten Rest aus seinem Glas und bestellte noch einen Scotch.

    Der Barkeeper meinte es gut mit Ben und füllte sein Glas voller als er es sonst getan hätte. Ben überlegte, ob dies gut für ihn war. Schließlich war er heute Abend mit seinen Töchtern zum Essen verabredet. Aber was soll’s? Er hatte im Restaurant sehr gut gegessen und noch Zeit, sich etwas hinzulegen.

    Das tragbare Haustelefon, das er auf den Nachttisch neben seinem Bett gelegt hatte, klingelte. Ben tastete verschlafen nach dem Telefon und hielt es sich ans Ohr. Eine Frauenstimme teilte ihm mit, dass sein Wagen eingetroffen wäre und der Chauffeur unten auf ihn wartete.

    Da Ben noch nie eine Uhr besessen hatte, wusste er nicht, wie spät es schon war. Ohne sich zu beeilen ging er ins Bad und duschte ausgiebig. Nun fühlte er sich wieder wohl. Er schlüpfte in seine Jeans und zog sich ein frisches T-Shirt über.

    Ben war kein Mensch, der aus irgendeinem Grund plötzlich in Hektik verfiel. Er hatte die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die in Hektik verfielen, Fehler machten, und diese Fehler können andere verletzen.

    Als er unten im Foyer angekommen war und die Fahrstuhltür sich öffnete, sah er Toni, seinen Chauffeur, an der Rezeption stehen. So wie es den Anschein machte, flirtete er mit der Rezeptionistin. Deren kurzer Blick zum Fahrstuhl zeigte Toni, dass Ben eingetroffen war. „Guten Abend Mr. Stone, schön Sie mal wieder zu sehen!“ „Schon wieder ein Jahr rum!“ begrüßte Toni Ben.

    Er hatte Toni, direkt nach der Gründung seiner Firma vor über 30 Jahren, als Fahrer eingestellt. Der chaotische Straßenverkehr, der in den Städten herrschte, war Ben damals schon zuwider.

    Sie waren im gleichen Alter und hatten schon einiges miteinander erlebt. Darunter waren auch extrem peinliche Situationen. Ben wusste, dass er auf die absolute Verschwiegenheit von Toni vertrauen konnte.

    Anna seine Tochter hatte Toni nach Bens Rückzug weiter beschäftigt, obwohl sie lieber selbst das Steuer in die Hand nahmen, genauso wie in der Firma.

    Toni hatte den Firmenwagen direkt vor dem Eingang geparkt. Das Lokal, in dem er seine Töchter treffen wollte, lag etwas außerhalb der Stadt. Die Fahrt dorthin dauerte mehr als zwei Stunden und Toni und Ben hatten genügend Zeit, über alte Zeiten zu sprechen.

    Toni hatte sehr spät geheiratet und sein Sohn, den er hatte, war gerade mal ein halbes Jahr alt. Obwohl er nun verheiratet war, konnte er das Flirten einfach nicht lassen. Aber seine Frau Jessie, die Ben vor drei Jahren persönlich kennenlernen durfte, hatte ihn voll und ganz im Griff. Sie war das Beste, was Toni passieren konnte.

    Das kleine Restaurant, das mitten im Wald an einem kleinen See gelegen war hatte Ben vor Jahren zufällig entdeckt. Er saß damals allein am Steuer des Firmenwagens und hatte sich total verfahren. Seither traf er sich jedes Jahr mit seinen Töchtern hier an diesem kleinen See. Toni parkte den Wagen und begleitete Ben in das kleine Lokal.

    Anna und Hanna saßen bereits an einem kleinen Tisch mit Blick auf den See. Tom, sein Schwiegersohn, stand draußen auf der Terrasse und rauchte eine Zigarette. Hanna sah Ben als Erstes, sie sprang auf, rannte auf ihn zu und fiel ihm in den Hals. „Hi Paps, ich hab dich vermisst!“ Auch Anna stand auf und kam langsam auf ihn zu. Sie war die etwas kühlere der beiden.

    Nachdem Hanna ihn endlich wieder losgelassen hatte, umarmte er auch Anna und drückte sie fest an sich. „Du könntest dich auch öfters mal blicken lassen und nicht nur einmal im Jahr!“ flüsterte Anna ihm ins Ohr. Auch Tom kam von der Terrasse herein und begrüßte Ben mit einem Handschlag. „Und wie geht es dir?“ „Kann nicht klagen, mir geht’s gut!“ antwortete Ben.

    Nach der Begrüßung setzten sie sich alle an einen Tisch und studierten die Speisekarte. Auch Toni setzte sich dazu. Schließlich gehörte er irgendwie, nach so vielen Jahren die er schon für sie arbeitete, auch zur Familie.

    Der Abend verlief ausgelassen, teilweise sogar so lustig dass sie Tränen in den Augen hatten. Bei ihrem ersten gemeinsamen Treffen in diesem Lokal, beschloss Ben, dass keine geschäftlichen Dinge hier besprochen werden dürfen, und alle waren damit einverstanden.

    An diesem Ort ging es nur um die Familie und was sie im vergangenen Jahr so erlebt hatten. Selbst Toni brachte einige kuriose Dinge, die er erlebt hatte, mit ein.

    Es war schon weit nach Mitternacht als Toni Ben an seinem Hotel absetzte. „Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht Mr. Stone. Soll ich Sie morgen abholen?“ „Nein danke Toni. Ich werde die Fähre nehmen!“ „Grüß deine Familie von mir!“ mit diesen Worten verabschiedete sich Ben von Toni und ging ins Hotel.

    Am nächsten Morgen trank Ben nur eine Tasse Kaffee im Hotel-Restaurant. Normalerweise gehört zu seiner Tasse Kaffee am Morgen auch eine Zigarillo. Doch leider herrschte hier überall Hauchverbot. Er musste also mit seiner Zigarillo warten bis er sich auf den Weg zum Anlegeplatz der Fähre nach Manhattan machte.

    Der Weg zur Fähre bescherte Ben einen wunderbaren Blick auf die Freiheitsstatue, die am Hafeneingang stand. Ben wusste, dass dieser Tag langweilig für ihn werden würde. Doch Anna bestand darauf, dass er zumindest einmal im Jahr bei so einem Geschäftstreffen anwesend ist. Es war Ihr wichtig, ihren Geschäftspartnern zu zeigen, wer der eigentliche kreative Kopf hinter der Firma war.

    Die Fähre über den Hudson war gut gefüllt. Ben suchte sich einen Platz auf dem Vordeck. Die Menschen um ihn herum waren alles Geschäftsleute, Börsenmakler oder Banker. Ben erkannte es daran, dass sie teure Anzüge trugen und Aktentaschen mit sich führten. Gut, vielleicht waren auch ein paar, Möchtegern darunter die nur so taten, als wären sie wichtig.

    Ben verfolgte einigen Gesprächen um sich herum. Die meisten betrafen den Aktienmarkt mit seinen Kursschwankungen. Einige prallten mit dem, was sie sich gerade geleistet hatten.

    Nach seiner Ankunft in Manhattan kam Ben auf dem Weg zur Firmenzentrale am Ground Zero vorbei. In glänzenden Metallplatten waren dort  die Namen der damaligen Opfer vom 11. September eingraviert.

    Ben machte es wütend, dass dieser Ort zu einem Touristenmagneten geworden ist. Überall um ihn herum machten die Touristen Selfies mit dieser Gedenkstätte als Hintergrund. Ben war klar. Niemand sollte den feigen Angriff auf unschuldige Menschen, je vergessen und man sollte sich immer an die Opfer erinnern.

    Die meisten Menschen hier auf dem Platz jedoch dachten nicht an die Opfer. Sondern sie wollten nur den Ort des schrecklichen Ereignisses, sehen und Fotografieren. Um damit vor ihren Freunden und Bekannten zu Hause zu prahlen, das sie am Ort einer Katastrophe waren.

    Ben hatte das Bürogebäude in der Fulton Street, in dem seine Firmenzentrale untergebracht war, erreicht. Als er das Foyer betrat, kam eine dunkelhäutige Frau mit Rasterlocken und einem grau-blauen Hosenanzug auf ihn zu. „Mr. Stone, schön Sie begrüßen zu dürfen!“ „Da wir uns noch nicht begegnet sind, möchte ich mich vorstellen. Ich bin Jasmin und seit einem halben Jahr, die Sekretärin ihrer Tochter!“ „Sie hat mich beauftragt, Ihnen ausrichten, dass Sie im Konferenzraum auf Sie warten sollen!“ Jasmin hatte Ben auf Anhieb erkannt.

    Anna hatte ihr eine gute Beschreibung von Ben gegeben. Was heißt gute Beschreibung? Sie sagte eigentlich nur, wenn einer barfuß die Zentrale betritt, so ist es mein Vater. Jasmin musste bei dieser Beschreibung schmunzeln und Anna zuckte nur mit den Schultern. „Danke für die Info!“ Könnten Sie bitte dafür sorgen, dass ich einen Kaffee bekomme?“ bat Ben sie.  „Aber sicher Mr. Stone, kein Problem!“

    Nachdem die beiden im fünften Stock angekommen waren, machte sich Jasmin auf den Weg in den Pausenraum, der sich am Ende des Flurs befand. Ein junger Mann mit Anzug und Krawatte stürmte an Ben vorbei. Ben schaute ihm nach und folgte ihm. Ben wusste, dass die Richtung, in die der Mann gelaufen war, zum Konferenzraum führte.

    Dort angekommen konnte er sehen, wie dieser junge Mann Akten auf dem Besprechungstisch verteilte. „Sie hätten sich nicht so beeilen müssen. Es ist noch keiner da!“ sagte Ben und lehnte sich an den Türrahmen. Der junge Mann unterbrach seine Arbeit und schaute Ben erschrocken an.

    Sie mussten den Kaffee schon vorbereitet haben denn Jasmin stand plötzlich mit einer Tasse in der Hand hinter ihm. „Hier Ihr Kaffee, Mr. Stone. Wie ich gehört habe, trinken Sie ihn schwarz!“ Sie gab Ben den Kaffee und ging in den Konferenzraum.

    „Mr. Stone, darf ich vorstellen Markus, unser Praktikant!“ Sie drehte sich zu dem jungen Mann. „Markus, darf ich dir unseren heimlichen Chef vorstellen, Mr. Stone!“ „Unheimlich trifft es eher!“ korrigierte Ben sie.

    Markus ging um den Besprechungstisch und reichte Ben die Hand. „Sehr erfreut Mr. Stone, es ist schön Sie kennenzulernen!“ stammelte er verlegen. Jasmin gab Markus noch einige Anweisungen, und dieser verließ den Konferenzraum ohne ein weiteres Wort. „Ein wenig schüchtern!“ bemerkte Ben gegenüber Jasmin.

    Die ersten Geschäftspartner trafen ein und Ben begrüßte sie alle mit einem Handschlag. Markus, der Praktikant, versorgte die Gäste mit Getränken. Jasmin legte noch einige Akten auf die Stirnseite des Konferenztisches und bat die Anwesenden Platz zu nehmen.

    Martina Seiler war wieder einmal die letzte, die Eintraf, so wie jedes Jahr! Sie war eine sehr erfolgreiche Unternehmerin aus der Schweiz und eine knallharte Geschäftsfrau. Sie hatte sich den Respekt ihrer Geschäftspartner redlich verdient. Anna und Martina waren seit Jahren gut befreundet, was aber nicht bedeutete, dass sie von Anna bevorzugt wurde.

    Sie trug ein knallgelbes Kleid, das nur von Spaghetti-Trägern gehalten wurde. Ihr braunes lockiges Haar das bis zur Schulter reichte, wurde von einer Spange, die dieselbe Farbe hatte wie ihr Kleid, aus ihrem Gesicht gehalten. Passend zu ihrem Kleid waren auch ihre hochhackigen Schuhe, gelb. Diese sorgten dafür, dass sie größer erschien als sie eigentlich war. Sie liebt es, als Letzte zu erscheinen und die Blicke der anwesenden auf sich zu ziehen. Mit einem „Grüezi miteinander“ betrat sie den Konferenz-Raum.

    Anna kam aus ihrem Büro und Jasmin teilte ihr mit, dass alle Teilnehmer anwesend seien. Nachdem sie den Konferenzraum betreten hatte, ging sie als erstes zu Ben und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. Jasmin schloss die Tür zum Konferenzraum von außen und ging wieder an ihre Arbeit. Nach einer kurzen Begrüßung der Anwesenden, begann Anna damit, die Themen der heutigen Besprechung aufzuzählen.

    Ben war jetzt schon langweilig und er nippte an seinem Kaffee. Die Themen, die Anna besprach waren die neuen Steuergesetze, die Zollgebühren und die Ein- und Ausfuhrbestimmungen die seit Neuestem galten. Dies waren alles Themen, von denen Ben keine Ahnung hatte. Doch er hatte Anna versprochen, dass er anwesend sein wird. Es war gegen Mittag als Anna die Besprechung unterbrach. Sie lud alle Anwesenden zum Essen in ein nahegelegenes Restaurant ein.

    Nach dem Essen verabschiedete sich Ben von Anna. Er hatte versprochen, noch bei Hanna vorbei zu schauen, bevor er zurück nach Hause flog. Ben war froh, dass die Geschäftszentrale und die Praxis von Hanna in derselben Stadt und nicht weit voneinander entfernt lagen. So sparte er sich weite Wege, um die beiden zu sehen. Hannas Praxis lag an der Wall Street, gerade mal zehn Minuten von der Zentrale entfernt. Eine gute Gelegenheit, gemütlich eine zu rauchen.

    Eine kleine asiatisch aussehende Frau am Empfang der Praxis teilte Ben mit, dass Hanna gerade in einer Behandlung wäre und jeden Moment wieder herauskommen würde. Ben setzte sich in den Warteraum, der gut gefüllt war. Hanna hatte mehrere Mitarbeiter und hin und wieder kam einer, um einen Patienten aus dem Wartezimmer abzuholen.

    Ben wusste nicht, wie lange er schon gewartet hatte als Hanna in der Tür stand und einen gewissen Mr. Stone zu sich in ihr Behandlungszimmer bat. Sie musste lachen, nachdem sie Ben so förmlich zu sich ins Behandlungszimmer gebeten hatte. Schließlich war es ihr Vater. Mit einer herzlichen Umarmung begrüßte sie ihn. „Wie ich sehe, hast du die Besprechung überlebt,  irgendwelche Schmerzen?“

    Hanna wusste, dass Ben solche Besprechungen hasste. Sie war auch nicht begeistert, wenn sie organisatorische und bürokratische Angelegenheiten mit ihren Mitarbeitern besprechen musste. Aber schließlich war sie auch eine Geschäftsfrau. Nach einem kurzen herzlichen Gespräch verabschiede sich Ben von ihr und Hanna kümmerte sich wieder um ihren nächsten Patienten.

    2. Charlie

    Ben stand auf seiner Terrasse und rauchte gemütlich eine Zigarillo. Die Wolken am Himmel waren aufgerissen und ließen die Sonne hindurch scheinen. Die Tage waren grau und öde. Es hatte zwar in den letzten Tagen nicht mehr viel geschneit, doch dieses düstere Wetter konnte er einfach nicht leiden. Ihm machten der Schnee, die Kälte nichts aus. Wichtig war Ihm nur, dass die Sonne schien.

    Er schaute hinaus auf den Howe Sound, einer Bucht die zur Straße von Georgia und dann in den pazifischen Ozean führte. Am Horizont konnte er dunkle schwarze Wolken sehen und er hoffte, dass diese nicht in seine Richtung kommen würden. Das Telefon an der Wand in der Küche klingelte. Ben nahm den Becher, mit frischem Kaffee, der auf der Fensterbank stand und ging zum Telefon. Mit seiner freien Hand nahm er den Hörer ab und hielt in ans Ohr. „Stone hier!“ Ben lauschte.

    Am anderen Ende der Leitung erklang eine raue Männerstimme. „Hallo Ben, Mark hier!“ Ich rufe dich nur an weil ich dich warnen wollte das ein schwerer Schneesturm auf uns zukommt!“ Mark war der Chef der örtlichen Feuerwehr und ein langjähriger Freund von Ben. „Hallo Mark danke dass du mich vorwarnst!“ antwortete Ben. „Ich werde gleich alles Sturmfest machen und nochmals vielen Dank für die Vorwarnung!“ Mark sagte Ben noch, dass er auf sich aufpassen soll und legte auf. Ben hängte sein Telefon in die Halterung an der Wand.

    Er verbrachte den Rest des Nachmittags damit seine Vorräte zu kontrollieren! So wie er es einschätzte reichten sie für ein bis zwei Wochen, kam ganz darauf an wie Hungrig er waren. Getränke waren auch ausreichend vorhanden, er hatte ja schließlich auch einen gut gefüllten Weinkeller und in der Speisekammer waren auch noch einige Packungen Milch, die noch ein, zwei Wochen haltbar waren. Ben war nicht der geübte Weinkenner, er liebte nur den fruchtigen trockenen Geschmack von Rotwein.

    Die Weine im Keller kamen überwiegend aus Regionen in Frankreich. Auch einige Kanadische Weine waren darunter, doch diese Weine waren für Bens Geschmack nicht trocken genug. Warum er sie dennoch gekauft hatte wusste er selbst nicht. Draußen wurde es schon dunkel und er musste noch den Holzschuppen und das Bootshaus überprüfen ob alles fest verschlossen war. Er zog seine Winterjacke über und machte sich auf den Weg nach draußen.

    Die Luft war eisiger geworden und der Wind frischte immer mehr auf. Die ersten Schneeflocken tanzen um ihn herum. Ben kontrollierte als erstes den kleinen Holzschuppen der gleich neben seinem Haus stand. Die hölzerne Tür und das kleine Fenster an der Seite waren fest verschlossen.

    Ben machte sich auf den Weg zum Bootshaus. Ihm viel schon, als er näher kam auf, dass die Eingangstür ein wenig offen stand. Er war sich sicher, dass er sie richtig verschlossen hatte.  Das Schneetreiben hatte immer mehr zugenommen und der Wind blies ihm eisig ins Gesicht. Er zog die Tür weiter auf. Im Innern der Hütte war es dunkel und er konnte kaum etwas erkennen.

    Er betätigte den Lichtschalter, der sich direkt neben der Tür befand, und schaute sich noch einmal um. Das kleine Motorboot, das sich darin befand, lag ruhig und festgezurrt an seinem Platz. Auch alles andere, was er in der Hütte untergebracht hatte, schien an seinem Platz zu sein.

    Dann bemerkte Ben, dass die Plane, mit der er das kleine Motorboot abgedeckt hatte, nicht korrekt darüber lag. Sie war leicht verschoben und einer der Spanngurt, mit dem sie befestigt hatte, hing lose an der Seite. Ben überlegte: Konnte es sein, dass der Wind die Plane gelöst und die Eingangstür aufgedrückt hatte? Dies konnte gut sein, denn das Tor zum Meer hin reichte nur bis zur Wasserkannte und der Wind konnte leicht darunter hindurch wehen.

    Ben ging zum Boot und zog an der Plane, um sie wieder richtig zu befestigen. Als er sie anhob, bemerkte er etwas, das sich im Boot befand.

    Dieses Etwas sah aus, als wären es zwei Füße. Ben löste weitere Spanngurte und zog die Plane zur Seite. Er konnte nicht glauben, was er da sah. Da lag ein Kind in seinem Boot. Zusammengerollt wie ein Igel lag es da und bewegte sich nicht. Ben hatte die blonden langen Haare, die unter ihrer Wollmütze hervorragend bemerkte und schloss daraus, dass es ein Mädchen war. Was hatte ein kleines Mädchen hier draußen in der Wildnis verloren? Wie kam sie überhaupt hier her?

    Ben wusste nicht, was er sagen sollte. Das kleine Mädchen schaute ängstlich zu Ben auf. „Am besten du kommst erst mal rein und wärmst dich auf!“ „Hier draußen solltest du auf keinen Fall bleiben!“ Ben konnte in ihren Augen sehen, dass sie Angst hatte.

    Er drehte sich um und verließ das Bootshaus. Auf der Eingangs-Terrasse angekommen drehte er sich um. „Kommst du?“ rief er laut gegen den aufkommenden Sturm an. Ben, wartete einen Moment. Doch sie kam nicht. Er drehte sich wieder um und ging ins Haus, lies aber die Eingangstür offen stehen.

    Es dauerte eine ganze Weile, bis das Mädchen endlich in der Eingangstür stand. Ben befand sich in seiner Küche und stellte gerade einen Topf auf seinen Herd. „Du kannst ruhig rein kommen. Hier passiert dir nichts!“ „Du solltest dich vor den Kamin stellen, um dich aufzuwärmen, aber vorher mach bitte die Eingangstüre zu!“

    Sein unverhoffter Gast lehnte die Eingangstür nur an um sich einen Fluchtweg freizuhalten. Der starke Wind, der nun draußen tobte, drückte die Tür aber wieder auf. Es blieb ihr nichts anderes übrig als die Tür richtig zu schließen. Danach bewegte sich langsam auf das Wohnzimmer zu in dem das Kaminfeuer brannte.

    „Verrätst du mir deinen Namen?“ fragte Ben sie mit sanfter Stimme. Sie überlegte, ob sie ihm antworten sollte. Die Angst in ihrem Gesicht war immer noch deutlich zu sehen. „Du brauchst keine Angst zu haben. Ich tue dir nichts!“ „Am besten ich mache dir erst einmal eine heiße Schokolade!“ „Du siehst aus, als könntest du sie vertragen!“ Langsam und immer Ben im Auge behaltend, bewegte sie sich auf den Kamin zu. „Verrätst du mir jetzt deinen Namen?“

    Ben beobachtet seinen Gast. Er konnte sehen, wie sie sich langsam entspannte und das wärmende Kaminfeuer genoss. „Charlie!“ Sagte sie so leise, dass Ben es fast nicht gehört hätte. „Hallo Charlie, mein Name ist Ben!“

    Nach einer Weile kam Ben aus der Küche zurück und reichte Charlie eine Tasse, auf der eine Haube aus Sprühsahne zu sehen war. Zögernd und immer noch weit genug von Ben entfernt, so dass sie noch die Flucht ergreifen konnte, nahm Charlie sie mit beiden Händen entgegen. Ben ging zurück in die Küche.

    Es war für sie schon eine Ewigkeit her, dass sie eine Tasse heiße Schokolade getrunken hatte. Auch war es schon eine Weile her, dass sie überhaupt etwas Warmes getrunken oder gegessen hatte. „Vorsicht, die ist heiß!“ warnte Ben sie.

    Sie konzentrierte sich auf die Tasse heißer Schokolade in ihren Händen und führte sie vorsichtig an ihren Mund. Der Geschmack von Schokolade und Sahne vermischte sich zu einer süßen Leckerei. Dieser Geschmack war einfach traumhaft. Am liebsten hätte sie alles auf einmal in sich hineingeschlungen. Aber Ben hatte Recht. Das Getränk war verdammt heiß.

    Charlie schaute sich in der Wohnung um. Auf dem Kaminsims standen zwei Bilderrahmen. Auf einem der Bilder war eine junge, hübsche blonde Frau zu sehen. Auf einem anderen zwei kleine Mädchen, die bunte Kleider anhatten.

    Vermutlich war dies Bens Familie. Auf der einen Seite des Raumes in der Ecke befand sich eine kleine Hausbar. Auf der anderen Seite war die Küche die offen zum Wohnzimmer war. Zwei Wendeltreppen führten nach oben. Eine auf der rechten und eine auf der linken Seite des Wohnzimmers, das bis zum Dach hin nach oben offen war.

    Sie führten zu zwei Emporen über die man in die Obenliegenden Zimmer kam. Auf der gegenüberliegenden Seite des Kamins befand sich eine große Glasfront mit Schiebetüren. Draußen tobte mittlerweile ein gewaltiger Schneesturm.

    Ganz anders als das was sie bisher in ihrem Leben gesehen hatte, war es hier einfach nur wunderschön und urgemütlich. In ihrem Leben hatte sie schon einige Wohnungen gesehen. Es waren die Wohnungen von Pflegefamilie bei denen sie untergebracht war. Vor zwei Jahren landete sie schließlich im Heim.

    Der Grund warum sie ständig wo anders gelandet war, lag an ihr. Sie hielt es meist nicht sehr lange bei einer Familie aus und war immer wieder weggelaufen. Nicht dass die Leute bei denen sie untergebracht war schlecht zu ihr waren. Nein, eigentlich waren sie alle sehr nett. Aus irgendeinem Grund hielt sie es einfach nicht sehr lange an einem Ort aus und lief weg. Was ihr aber nicht viel brachte, den meistens schnappte man sie noch am selben Abend oder spätestens am nächsten Tag.

    Sie hatte auch mehrmals versucht, aus dem Heim in das man sie nach Ihrer letzten Flucht gebracht hatte, auszubrechen. Doch da man dort ihre Vorgeschichte kannte ließ man sie nie aus den Augen und schnappte sie schon beim Versuch zu Flüchten.

    Vor fünf Tagen, da hatte Sie es endlich geschafft. Ihre Aufpasser waren so sehr mit den Vorbereitungen auf eine Spendenaktion, die im Heim stattfand beschäftigt, das sie nicht bemerkten wie sie sich im Laderaum eines Lieferwagens versteckte. Sie hatte Glück das der Fahrer des Lieferwagens sie nicht entdeckte als er seine Türen am Heck  des Wagens schloss und sich auf den Weg zurück in seine Firma machte.

    Unterwegs machte der Wagen einen kurzen stopp an einer Tankstelle. Das war für sie die Gelegenheit aus dem Wagen zu steigen und ihre Flucht weiter unbemerkt vorzusetzen. Sie kletterte auf die Ladefläche eines an der Tankstelle stehenden Trucks und versteckte sich unter einer Plane. Sie weiß nicht wie lange der Truck gefahren war bevor er wieder stoppte, ihr kam es vor wie eine Ewigkeit.

    Als sie unter der Plane hervorschaute befand sie sich auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums. Sie kletterte vom Truck und schaute sich um. Bei den vielen Menschen die sich hier aufhielten konnte sie leicht in der Menge untertauchen. Sie ging über den vom Schnee befreiten Parkplatz auf den Eingang des Einkaufszentrums zu.

    Menschen mit vollbepackten Einkaufswägen kamen ihr entgegen und gingen achtlos an ihr vorüber. Keiner beachtete sie. Nachdem sie das Gebäude betreten hatte, schaute sie sich die Auslagen in den kleinen Geschäften, die hintereinander aufgereiht waren, an. Hier gab es wirklich alles, Kleider, Schuhe, Elektroartikel und Lebensmittel sogar einen Hundefriseur.

    In der Mitte der Einkaufspassage befand sich ein riesiger Springbrunnen. Charlie setzte sich auf den Rand des Brunnens und überlegte, wie sie nun weiter vorgehen sollte.

    Ein schwarz gekleideter Mann mit hochgeschnürten Militärstiefeln ging an ihr vorüber. Er trug eine schwarze Lederjacke und auf dem Rücken dieser Jacke stand „Security“.  Charlie tat so als würde sie hier auf jemanden warten. Der Mann von der Security ging an Charlie vorüber ohne sie zu beachten. Noch mal Glück gehabt, dachte Charlie, aber sie musste aufpassen nicht aufzufallen.

    Hier im Einkaufszentrum war es warm, doch sie wusste auch, dass sie hier nicht für immer bleiben konnte. Sie kannte niemanden, zu dem sie gehen konnte, und sie wusste auch nicht, wo genau sie im Moment war. Sie hätte ihre Flucht besser planen sollen.

    In diesem Einkaufszentrum war es das erste Mal, dass sie etwas gestohlen hatte. Es war zwar nur etwas zu essen, doch sie hatte gestohlen. Ein schlechtes Gewissen überkam sie. Irgendwie musste sie schließlich überleben.

    Sie war nun schon seit Stunden hier in diesem Einkaufszentrum. Und irgendwie musste sie den Wachleuten die hier ihren Dienst taten aufgefallen sein. Bei den vielen Überwachungskameras, die es hier gab, musste es irgendwann mal dazu kommen. Sie bemerkte einen der Wachmänner, der auf sie zukam.

    Sie rannte zum Ausgang auf den Parkplatz und versteckte sich hinter einem der dort geparkten Wagen. Ein Wachmann war ihr gefolgt und stand nun am Eingang und schaute sich um. Sie hatte wieder einmal Glück. Der Wachmann entdeckte sie nicht und ging wieder zurück ins Einkaufszentrum.

    Draußen war es kalt und es wurde langsam dunkel. Sie schaute sich um und überlegte, wo sie die Nacht verbringen könnte. In der Ferne erkannte sie ein paar Häuser, die rechts und links des Highways, der am Parkplatz vorbei führte, standen. Sie stapfte durch den knöchelhohen Schnee, der am Straßenrand lag, und erreichte das erste Haus, das etwas abseits von den anderen Gebäuden stand.

    Es war unbeleuchtet und machte den Eindruck, als wäre keiner zuhause. Hinter dem Haus befand sich ein grün lackierter Geräteschuppen. Sie schlich ums Haus zum Schuppen. Er war nicht verschlossen und Charlie ging hinein. Im Inneren stand ein großer fahrbarer Rasenmäher. So einen hat sie schon im Heim gesehen. Der Hausmeister mähte damit immer den Rasen vor ihrem Zimmerfenster.

    In einem Regal an der Seite entdeckte sie mehrere Wolldecken. Toll, sie hatte etwas gefunden, was sie warmhalten würde. Als sie sich weiter umschaute, entdeckte sie auch einen an der Wand hängenden, zusammenklappbaren Liegestuhl.

    Der Schuppen ist der Wahnsinn. Jetzt konnte sie sich auch noch ein Bett machen. Sie verbrachte ganze vier Tage hier und ernährte sich von den acht Schokoriegeln die sie im Einkaufszentrum  gestohlen hatte. Ihren Durst stillte sie in dem sie frisch gefallenen Schnee in ihrem Mund schmelzen lies.

    Es war am späten Nachmittag als sie den Motor eines Wagens hörte. Kurz darauf sah sie wie die Lichter im Haus angingen. Die Bewohner des Hauses waren zurückgekommen. Da Charlie jede Menge Spuren im frischen Schnee hinterlassen hatte würde man sie bald entdecken. Sie schnappte sich eine der Wolldecken und schlich sich aus ihrem Versteck.

    Vom Geräteschuppen bis zu dem dahinter liegenden Waldrand war es nicht weit und sie rannte durch den tiefen Schnee dorthin. Wieder hatte sie Spuren hinterlassen. Sie beschloss tiefer in den Wald zu gehen damit man sie nicht findet.

    Sie war ein großes Mädchen und sie hatte keine Angst im dunklen Wald. Sie sagte sich das die ganze Zeit immer und immer wieder, während sie weiter in den Wald hineinlief. Sie stolperte über Äste, Steine und Wurzeln auf ihrem Weg. Ihre Kleider waren völlig nass und verdreckt und ihr ganzer Körper schmerzte.

    Alles an ihr tat weh und sie wusste, die Nacht würde sie nicht überstehen wenn sie nicht bald einen Unterschlupf finden würde. Sie warf sich die Wohldecke wie ein Mantel über und setzte ihren Weg fort. Als sie einen kleinen Bach überqueren wollte, rutschte sie aus. Sie konnte sich gerade noch an einem Ast festhalten.

    Doch dabei verlor sie ihre Wolldecke, die in den Bach fiel und vom Wasser mitgerissen wurde. Sie folgte dem Bachlauf und kam zu einer Brücke, die über den Bach führte. Die Hände tief in ihrer Daunenjacke vergraben, marschierte sie durch den tiefen Schnee und folgte der Straße die über der Brücke verlief. Nach einer Weile sah sie von weitem ein alleinstehendes großes Haus.

    Als sie dort ankam bemerkte sie, dass sich darin jemand bewegte. Sie schaute sich nach einer anderen Möglichkeit um, einen Unterschlupf für die Nacht zu finden. Sie sah die kleine Holzhütte neben dem Haus und überlegte, ob sie sich dort verstecken sollte. Nach kurzer Überlegung entschied sie sich aber, die größere Hütte unten am Wasser aufzusuchen.

    Jemand kam aus dem Haus und sie beeilte sich, schnell in die Hütte zu gelangen. In der Hütte befand sich ein Boot und sie versteckte sich schnell unter der Plane, mit der es abgedeckt war. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie ihr Herz raste als Ben sie entdeckt hatte.

    Und jetzt stand sie hier bei diesem fremden Mann und trank wunderbare heiße Schokolade. „Du siehst hungrig aus, ich werde dir etwas zu essen machen!“  „Was hättest du denn gerne?“ Charlie, drehte sich um und zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht!“ „Ok, ich lass mir was einfallen!“ Ben schaute in den Kühlschrank. „Wie wäre es mit ein paar Pfannkuchen?“ „ Oh ja. Das wäre toll!“ antwortete Charlie begeistert.

    Ben nahm die Milch und Eier aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Tresen in der Küche. „Ich hoffe, du hältst noch so lange durch, bis ich fertig bin!“ Charlie wünschte sich, dass Ben sich beeilte würde, denn sie hatte einen Bärenhunger. Frische Pfannkuchen waren ihre Lieblingsspeise.

    Sie hörte, wie Ben den Teig rührte und dann eine Pfanne auf den Herd stellte. Wann ist er endlich fertig? Mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Der Duft von frischem Pfannkuchen kam aus der Küche zu ihr herüber. „Möchtest du noch eine heiße Schokolade dazu?“ fragte Ben. „Ja, wenn es nichts ausmacht!“ antworte Charly die immer noch vor dem Kamin stand und sich wärmte.

    Endlich kam Ben aus der Küche. In der einen Hand hielt er einen Teller, auf dem sich dünne Fladen auftürmten. In der anderen Hand hielt er eine Tasse mit frischer heißer Schokolade. Charlie schaute noch einmal auf den Teller mit den dünnen Fladen. Das waren doch keine Pfannkuchen dachte sie. Die Pfannkuchen, die Sie kannte, waren dick und rund, nicht so flach wie diese auf dem Teller obwohl diese auch rund waren.

    „Du schaust so skeptisch, stimmt was nicht?“ „Das sind doch keine Pfannkuchen! Solche habe ich noch nie gesehen!“ „Nun das sind meine Spezial-Pfannkuchen. Du musst sie probieren. Die sind einfach toll!“

    Ben stellte den Teller auf den kleinen Beistelltisch am Sofa und reichte ihr die Tasse mit der frischen Schokolade. Dann ging Ben zurück in die Küche und holte noch Ahorn-Sirup, ein Glas Himbeermarmelade und einen großen Löffel. Charlie wunderte sich wieder. Ben hatte keinen weiteren Teller mitgebracht.

    „Wie wäre es, wenn du deine nasse Jacke ausziehst und dich aufs Sofa setzt?“ Es wäre viel bequemer!“ Charlie überlegte kurz, zog dann ihre zerrissene und völlig verdreckte Daunenjacke aus und legte sie auf den Holzstapel, der neben dem Kamin aufgeschichtet war.

    Charlie setzte sich in die äußerste Ecke des Sofas, um so weit wie möglich von Ben entfernt zu sein. Wie sollte sie die sogenannten Pfannkuchen jetzt essen? Etwa mit den Händen? dachte Charlie und schaute Ben mit großen Augen an.

    „Was möchtest du auf deinen Pfannkuchen, Ahornsirup oder Marmelade?“ „Ahornsirup!“ antwortete Charlie. Ben nahm den Behälter mit dem Ahorn-Sirup und goss ein wenig auf den obersten der dünnen sogenannten Pfannkuchen, nahm den Löffel und verteilte damit den Sirup. „Und wie soll ich das jetzt essen?“ fragte Charlie. „Abwarten!“ antwortete Ben.

    Er nahm den Pfannkuchen an einer Ecke und rollte ihn zu einer dicken Zigarre zusammen. Dieses runde längliche Teil gab er Charlie in die Hand. „Du musst beide Hände nehmen und den Pfannkuchen gerade halten, sonst läuft dir der Sirup am anderen Ende heraus!“  „So nun beiß rein!“

    Charlie betrachtete das längliche Ding das sie in den Händen hielt. „Echt jetzt?“ Zögernd biss sie in das längliche Teil. „Wow! Das schmeckt ja richtig gut. Ganz anders als die, die ich schon gegessen habe!“ Nachdem sie den ersten Pfannenkuchen in Windeseile hinunter geschlungen hatte versuchte sie einen mit Marmelade. „Diese Pfannkuchen sind ab sofort mein Lieblingsessen!“ sagte sie zu Ben. „Das freut mich aber du solltest langsam machen. Die Dinger sind nicht einfach zu verdauen  für deinen kleinen Magen. Nicht dass dir schlecht wird!“

    Ben hatte Recht sie spürte schon, wie ihr Bauch anfing weh zu tun. Schließlich hatte sie seit Tagen nichts mehr Richtiges gegessen. Obwohl sie immer noch Hunger hatte, legte sie eine kleine Pause ein. Sie nahm ihre Tasse mit der heißen Schokolade und betrachtete Ben, wie er sich gerade den vierten Pfannkuchen mit Marmelade bestrich.

    Nach einer kurzen Pause machte auch Charlie sich zwei weitere dieser Pfannkuchen, bevor sie sich erschöpft zurück in das Sofa fallen ließ. Sie war mehr als satt und hatte sogar ein kleines Bäuchlein bekommen. Sie fühlte sich auf einmal müde und ihre Augen fielen immer wieder zu. „Ich glaube, du solltest dich ein wenig hinlegen. Aber nicht hier auf dem Sofa. Komm, ich zeig dir dein Zimmer!“

    Charlie war auf einen Schlag hellwach. Erstaunt riss sie ihre Augen auf. Was hat er gerade gesagt? Mein Zimmer? Ben stand auf und ging zu der Wendeltreppe, die nach oben auf eine der Emporen führte. „Was ist, kommst du?“ Charlie erhob sich langsam vom Sofa und folgte ihm.

    Ben hatte schon eine Tür zu einem Zimmer geöffnet als Charlie endlich eintraf. „So hier ist dein Zimmer in dem du dich ausruhen kannst!“ „ Doch bevor du dich hinlegst, solltest du erst einmal unter die Dusche gehen!“ „ Du bist ganz schön schmutzig!“ Charlie folgte Ben in das Zimmer und schaute sich um. Das Zimmer war eine Wucht. Auf der linken Seite stand ein Frisiertisch mit einem riesen Spiegel. Daneben befand sich ein Doppelbett mit einem weißen Laken und einer grünen Daunendecke darüber auch das Kopfkissen war grün überzogen.

    Auf der gegenüberliegenden Seite der Zimmertür befand sich eine riesige Fenster mit einer Schiebetür durch das man nach draußen auf den dahinterliegenden Balkon blicken konnte.

    Auf der rechten Seite gab es einen Wandschrank mit Schiebetüren, der die ganze Wand in Beschlag nahm. Die Krönung des ganzen war ein riesiger Flachbildschirm der in der Mitte des Schankes angebracht war. Ein Fernseher im Schlafzimmer! Von so einem Zimmer hatte Charlie immer geträumt. Sie hatte noch nie ein eigenes Zimmer. Sie musste ihr Zimmer immer mit irgendjemandem teilen.

    Ben schob die Schiebetür des Kleiderschranks,  gleich neben der Eingangstür zur Seite. Charly kam aus dem Staunen und nicht mehr heraus. Hinter der Tür war kein Schrank sondern ein kleines Badezimmer. Sie konnte eine Dusche, eine Toilette und ein kleines Waschbecken mit einem Spiegel darüber erkennen. Wahnsinn! Ein eigenes Zimmer mit einem eigenen Bad.

    Träumte sie das nur oder war das alles wirklich wahr? „Frische Handtücher und eine Zahnbürste findest du in der Kommode gleich neben dem Waschbecken!“ sagte Ben. Er ging auf die andere Seite des Schrankes und öffnete auch dort die Schiebetür.

    Hinter dieser befand sich wirklich ein Schrank. Aus einem Regal an der Seite holte Ben ein fein säuberlich zusammengelegtes Kleidungsstück hervor. Als Ben das Kleidungsstück auf dem Bett ausbreitete, konnte Charlie erkennen, dass es sich um ein langes, graues T-Shirt handelte.

    Ben zauberte noch weitere Kleidungsstücke aus dem Schrank. Eine hellblaue Boxer Short, eine hellgraue Jogginghose, einen ebenfalls hellgrauen Kapuzenpulli und die Krönung des ganzen waren ein paar kunterbunte Wollsocken die er ganz unten im Regal gefunden hatte.

    Die Boxer Short und die Jogginghose besaßen eine Kordel, durch die man sie an der Hüfte enger machen konnte. „Ich werde dich dann mal allein lassen, wenn du noch etwas brauchst. Ich bin unten!“ mit diesen Worten verließ Ben das Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

    Als Ben die Zimmertür schloss, fiel Charlie der Schlüssel im Türschloss auf. Sie konnte also die Türe abschließen. Jetzt war alles perfekt. Charlie genoss das warme Wasser, das in der Dusche auf sie herniederprasselte.

    Ganz anders als im Heim, wo es eine Gemeinschaftsdusche gab und das Wasser meist nur lauwarm aus der Brause kam. Das Shampoo, das in der Dusche stand, roch nach grünen Äpfeln. Charlie liebte diesen Geruch. Ihr Haar musste sie ein paar Mal waschen, um die kleinen Zweige, die sich darin verfangen hatten, zu entfernen. Es fühlte sich toll an, wieder sauber zu sein.

    Als sie sich abtrocknete hatte ging sie zurück ins Schlafzimmer und betrachtete die Sachen, die Ben ihr aufs Bett gelegt hatte. Die Sachen waren alle viel zu groß für sie. Aber immer noch besser als nassen und schmutzigen Sachen, die sie zuvor anhatte.

    Die Müdigkeit, die sie vor dem Duschen hatte, kehrte zurück. Sie schlüpfte in die Boxershorts und streifte sich das übergroße T-Shirt über. Müde und erschöpft kroch sie unter die auf dem Bett liegende grüne Daunendecke und schlief sofort ein.

    Ben räumte den Tisch, an dem sie Gegessen hatten ab und brachte alles in die Küche. Den Teller mit den übriggebliebenen Pfannkuchen packte er in Frischhaltefolie ein und stellte ihn in den Kühlschrank.

    Dies war wohl einer der schwersten Schneestürme, hier im Osten Kanadas, die Ben je erlebt hat. Der Schnee bedeckte alles schon gut einen halben Meter hoch und es wurde mehr. Er kontrollierte alle Fenster und Türen ob sie geschlossen waren. Er war froh, dass er am Tag zuvor, genügend Brennholz für seinen Kamin hereingeholt hatte. Bei diesem Wetter könnte er es vergessen es jetzt zu holen.

    Der Wind peitschte gegen das Haus, man konnte die Kraft dahinter regelrecht spüren. Seit Ben hier draußen lebte hatte er schon einige harte Winter erlebt. Er wusste daher das so ein Sturm mehrere Tage andauern konnte und es wichtig war genügend Vorräte  parat zu haben.

    Ben schaute aus dem Fenster durch das man auf den Howe Sound schauen konnte. Doch Ben sah nur eine weiße Wand. Selbst das Bootshaus das nur fünfzig Meter vom Haus entfernt lag war nicht mehr zu sehen. Ben ging in die Küche und machte sich einen Kaffee. So wie es aussah würden sie wohl einige Tage hier festsitzen.

    Er überlegte wie es nun weitergehen sollte. Irgendjemand wird dieses Mädchen vermissen und derjenige sollte wissen, dass es ihr gut geht. Da er bis jetzt nur ihren Vornamen kannte, wird es schwierig sein, herauszufinden, wo sie hingehört. Oder auch nicht! Schließlich hatte er jemanden der ihm bei der Suche helfen konnte.

    3.SEL

    Ben ging in sein Arbeitszimmer und setzte sich an seinen Computer. Nachdem er ihn eingeschaltet hatte, erschien auf dem Bildschirm vor ihm ein blaues Feld mit den weißen Buchstaben SEL.

    Es war der Name eines Computerprogramms das sich eigenständig weiterentwickeln kann, eine künstlichen Intelligenz. Ben hatte es in seiner Studienzeit programmiert. Im Laufe der Jahre hatte sich SEL eigenständig weiter entwickelt.

    Den Namen SEL hat sich sein Programm selbst gegeben. Ben hatte damit überhaupt nichts zu tun. Als diese KI, Ben zum ersten Mal diesen Namen auf dem Bildschirm zeigte, fragte Ben sie wie sie auf diesen Namen gekommen sei. Er konnte keinen Zusammenhang zwischen seiner KI und sich finden. Es war auch keine Abkürzung für irgendetwas. SEL gab ihm eine bemerkenswerte Antwort.

    -Mir hat dieser Name einfach gefallen.-

    -Ich habe beim Sammeln von Daten festgestellt das Namen keine Bedeutung haben.-

    -Es zählt nur das was dahintersteckt.-

    -Zum Beispiel sagt der Name eines Menschen nichts darüber aus ob er Gut oder Böse ist.-

    -Der Name eines Computerprogramms sagt nicht aus was das Programm in Wirklichkeit tut.-

    Ben konnte damals nicht Glauben das sein Programm zu solchen Schlussfolgerungen fähig sein könnte. Diese KI hatte ihm schon bei einigen Problemen geholfen und ihm Dinge aufgezeigt die er nicht für möglich gehalten hätte. In kürzester Zeit hatte sich die Sprachesteuerung so stark verbessert, dass er sich jetzt auch mit ihr unterhalten konnte. SEL gab sich eine sanfte weibliche Stimme die mit keiner lebenden Person vergleichbar war. Er rückte seinen bequemen Drehstuhl etwas näher an seinen Schreibtisch, und fing an mit SEL zu sprechen.

    „SEL zeig mir bitte alle Kinder zwischen 10 und 15 Jahren, die hier in der Gegend vermisst werden!“ Auf dem Bildschirm erschien eine Liste von 24 Kindern, die im Raum Vancouver als vermisst gemeldet wurden. Ben war schockiert. So viele Kinder und das hier, in seiner unmittelbaren Nähe. Ben beschrieb Charlies  Aussehen und die Kleidung die sie anhatte. Auf dem Bildschirm erschien nur noch ein Name.

    -Charlotte Marie Jones-

    -13 Jahre-

    -Vermisst seit fünf Tagen-

    „SEL besorg mir alles an Informationen, die du über Charlotte Jones finden kannst!“ Ben lehnte sich in seinen bequemen Arbeitsstuhl zurück.

    Wie konnte es sein, dass so viele Kinder vermisst wurden und das nur hier in seiner unmittelbare Umgebung? Woher sollte er das auch wissen! Er hatte sich nie mit diesem Thema befasst! Die Daten, die SEL über Charlie, beziehungsweise Charlotte, sammeln konnte, waren ziemlich umfangreich. Und das bei einem 13-jährigen Mädchen. Ben las den von SEL angefertigten Bericht.

    -Charlotte Marie Jones-

    -Geboren am 09.09.2013 in Ottawa-

    -Vater unbekannt-

    -Mutter Vera Jones-

    -Verstorben an einer Überdosis Heroin am 10.10.2018-

    -keine auffindbare Angehörigen-

    Es folgte eine Liste von Pflegefamilien bei denen Charlie kurzzeitig lebte. Am Ende der Liste stand die Adresse eines Waisenhauses in Vancouver in dem sie die letzten beiden Jahre, vor ihrer Flucht, untergebracht war.

    Ben nahm sein Smartphone und wählte die dort, als Kontakt, angegebene Telefonnummer. Eine weibliche Stimme meldete sich am anderen Ende der Leitung. „Städtisches Waisenhaus, Koch am Apparat! Was kann ich für Sie tun?“

    Ben zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete. „Stone hier, sie vermiesen ein Mädchen?“ Die Frau am anderen Ende der Leitung schien hörbar erfreut zu sein. „Haben sie sie gefunden?“ „Kommt ganz darauf an wen sie meinen Frau Koch!“ „Charlotte unsere Ausreißerin!“

    In dem Tonfall, in dem sie dies sagte, hörte Ben heraus dass es nicht das erste Mal war, das dieses Mädchen ausgerissen ist. „Ich weiß nicht, ob wir dasselbe Mädchen meinen!“ „ Zu mir gesagte sie ihr Name sei Charlie!“ „Ja, genau das ist sie!“

    Man konnte fast hören wie ihr ein Stein vom Herzen fiel. Die Frau am anderen Ende der Leitung besser gesagt des Funksignals fing an zu erzählen: „Charlotte bestand darauf Charlie genannt zu werden!“ „Obwohl Charlotte ihr korrekter Name war, den ihr ihre Mutter gegeben hat!“ „Sie mochte es überhaupt nicht wenn wir sie Charlotte oder auch nur Lotte nannten!“ „Ich persönlich finde, Charlotte ist ein sehr hübscher Name!“  Die Frau am anderen Ende der Leitung schien sehr gesprächig zu sein.

    Es wunderte ihn nur, dass sie noch nicht gefragt hatte wie es Charlie geht und wo sie sich befindet. Bevor sie weiter reden konnte unterbrach sie Ben. „Hören sie!“ „Charlie geht es gut!“ „Sie befindet sich bei mir Zuhause!“ „Sobald die Straßen wieder frei sind werde ich Charlie bei ihnen abliefern!“ Ich rufe sie an bevor ich sie zurück bringe!“ Ben beendete das Gespräch und legte auf. Sofern man das bei einem Smartphone sagen kann.

    Auf dem Bildschirm vor Ben erschien eine Liste von Polizeiberichten, die SEL, wehrend seines Gesprächs, heruntergeladen hatte. Anhand der Berichte konnte Ben erkennen, dass Charlie aus jeder Pflegefamilie, bei der sie einmal untergebracht war, geflüchtet ist. Das erste Mal bereits mit fünf Jahre.

    Ben bedankte sich bei SEL für die Informationen. Ihm war bewusst, dass SEL nur ein Computerprogramm war, eine künstliche Intelligenz. So programmiert, dass sie selbstständig lernen und die gesammelten Daten verarbeiten konnte. Für Ben war SEL aber mehr! Sie war eine hervorragende Mitarbeiterin, fast schon eine Freundin. Sofern man das von einem Computerprogramm behaupten konnte.

    Doch dieses Programm war die einzige Intelligenz, außer seinen beiden Töchter und seiner Ex-Frau, die ihm mit Rat und Tat zur Seite stand. Man würde ihn für verrückt erklären, wenn er das irgendjemandem sagen würde.

    Für Ben war SEL schon fast menschlicher als ein Mensch. Sie machte keine Unterschiede zwischen arm und reich, groß oder klein, dick oder dünn, schlau oder dumm. SEL analysierte die ihr zu Verfügung stehenden Daten ohne Vorurteile.

    Sie konnte erkennen ob etwas funktionierte oder nicht. Dabei spielte es keine Rolle ob es sich um einen Menschen oder um eine Maschine handelte. Für sie zahlte nur das Endergebnis. Ben hatte beim Programmieren darauf geachtet das seine KI eine Art von Respekt vor allem Leben entwickelt.

    Egal was die Auswertung aller Daten ergab, sie musste darauf achten das kein Leben oder die Natur verletzt oder gar zerstört wurde. SEL musste dann eine andere Lösung für das jeweilige Problem finden.

    Ben schaute aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Der Schneesturm tobte immer noch mit voller Kraft und würde auch nicht schwächer werden. Er überlegte, ob er mal nach Charlie schauen sollte. Er ging zurück in sein Wohnzimmer und schaute nach oben auf die Tür hinter der er Charlie untergebracht hatte.

    Er entschied sich, sie in Ruhe zu lassen. Aus seiner kleinen Bar in der Ecke des Wohnzimmers holte er sich eine bereits geöffnete Flasche Rotwein und ein passendes Glass. Ben stellte beides auf den kleinen Beistelltisch neben seinem Lieblingssessel.  Das Feuer im Kamin war kurz davor auszugehen und Ben legte frisches Holz nach.

    Er setzte sich in seinen Sessel und füllte das Glas mit Rotwein. Nachdenklich schaut er in das frisch auflodernde Feuer im Kamin. Er dachte nicht nur über Charly nach, wie es mit ihr weitergehen sollte, sondern auch über alle anderen Kinder, die vermisst wurden. Dass Charlie zurück ins Heim musste, war ihm klar. Schließlich konnte sie nicht für immer bei ihm bleiben. Allein die für sie zuständigen Behörden würden dies verhindern.

    Ben wunderte sich über seine Gedankengänge. Es war erst ein paar Stunden her, dass er sie gefunden hatte. Sie hatten nur ein paar Worte miteinander gewechselt. Dass er eine sentimentale Ader hatte, wusste er. Doch er wusste auch, dass er nicht die ganze Welt retten konnte.

    Warum ging ihm, das Schicksal dieses kleinen Mädchens so nah? Mitleid? Nein! Ben war jemand, der technische Probleme erkannte und eine Lösung für diese Probleme suchte und fand. Doch wenn es um zwischenmenschliche Dinge ging versagte er. Seine Beziehungen waren der Beweis dafür.

    War Charlie ein Problem? Nein, Charlie war ein Mensch der Hilfe braucht und Ben wusste nicht was er tun sollte. Das Smartphone, das er sich in die Gesäßtasche seiner Jeans gesteckt hatte, fing an zu Vibrieren.

    Ben zog es heraus und schaute auf das Display. Es war SEL seine K.I. „Was gibt es SEL?“ Die sanfte Stimme von SEL ertönte. „Ich möchte dich nur darüber informieren, dass man nach dir sucht.“ „Die Frau vom Weißenhaus, mit der du telefoniert hast, hat das Jugendamt und die Polizei informiert. Dass ein vermisstes Mädchen sich bei einem gewissen Mr. Stone aufhält.“ „Ich gehe davon aus, dass sich bald jemand bei dir melden wird, da du deine Telefonnummer nicht unterdrückt hast!“

    „Danke SEL für die Info,  aber das geht schon in Ordnung.“ Das Display seines Smartphones wurde dunkel und Ben wusste, dass SEL aufgelegt hatte.

    4.Behörden

    Der riesige gelbe Truck bahnte sich seinen Weg durch den meterhohen Schnee. An seiner Front war eine Schneefräse befestigt. Wie ein riesiges aufgerissenes Maul fraß es sich durch den hohen Schnee und spuckte diesen an der Seite durch eine große Röhre wieder aus. Anton und seine Kollegen waren nun schon seit Tagen dabei, die wichtigsten Zufahrtstraßen zur Stadt zu räumen. Und sie waren lange noch nicht fertig damit.

    Deshalb wunderte es ihn, dass am Morgen als er seinen Dienst antrat, der Einsatzleiter des Schneeräumdienstes zu ihm kam und ihm einen Sonderauftrag gab. Er sollte nicht die Hauptstraße räumen sondern eine Nebenstraße und zwar die zu Bens Haus.

    Anton und Ben kannten sich gut. Im Sommer fuhren die beiden immer mit Ben’s Boot hinaus aufs Meer, um zu angeln. Die Zufahrt zu Bens Haus war eigentlich immer die letzte, die nach einem schweren Schneefall geräumt wurde.

    Anton wusste, dass es Ben egal war, ob seine Zufahrt geräumt wurde oder nicht. Ben würde auch warten bis die Natur dies für ihn erledigt hätte. Anton kannte die Straße, die zu Bens Haus führte, sehr gut denn er war sie schon oft gefahren. Doch bei der Menge an Schnee, die auf der Straße lag, musste er sich stark konzentrieren, um nicht in den Graben zu fahren. Endlich sah er Bens Haus. Es war nicht mehr weit.

    Ben stand, eine Zigarillo rauchend, auf seiner Terrasse und hörte das brummende Geräusch eines Trucks der sich näherte. Er schaute in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Auf Anhieb erkannte er Antons gelben Truck. Als dieser endlich angekommen war, entfernte dieser noch den Schnee vor der Terrasse, um dann seinen Truck neben dem kleinen Holzschuppen neben Bens Haus zu parken.

    Anton stieg aus seinem Truck und kam auf Ben zu. „Guten Morgen Ben. Was ist denn los?“ fragte Anton Ben noch bevor er ihn erreicht hatte. Anton befreite seine schneebedeckten Schuhe, indem er gegen die Stufe der Treppe trat, die zu Bens Terrasse hinaufführte.

    Mit einem kräftigen Händeschlag begrüßte Ben Anton. „Erst einmal einen guten Morgen und es ist schön, dich zu sehen, oder auch nicht!“ „Wie meinst du das?“ fragte Anton. „Nun ja, ich habe einen Gast, den irgendjemand zurück haben möchte!“ Anton wurde neugierig. „Was für ein Gast! Eine Frau? Ist sie hübsch?“ Ben antwortete ihm mit einem Lächeln. „Eine Frau?“ „Ja!“ „Hübsch?“ „Ich glaube schon!“ „Aber viel zu jung für mich!“

    Die beiden gingen ins Haus. Ben füllte zwei Tassen mit frischem Kaffee und gab Anton eine davon. Sie standen am Küchentresen und Ben erzählte ihm von Charlie. „Und du glaubst, nur deshalb habe ich den Sonderauftrag erhalten, deine Straße frei zu räumen?“ „Ich glaube es nicht nur, ich weiß es!“

    Anton schüttelte den Kopf. Er konnte nicht verstehen, warum die Behörden es so eilig hatten, Charlie wieder zurück ins Waisenhaus zu verfrachten. Anton wusste, dass die Kleine bei Ben gut aufgehoben war. Ben war ein anständiger Mensch. Sie hätten auch warten können, bis Bens Straße an der Reihe gewesen wäre.

    „Und stellst du mir die Kleine mal vor?“ fragte Anton. „Na klar, sie ist oben in ihrem Zimmer. Und ich bin mir sicher, dass sie wach ist, nach dem Krach, den du da draußen gemacht hast!“ Charlie stand hinter ihrer Zimmertür und belauschte die beiden.

    Sie war tatsächlich durch den Krach des lauten Motors und dem Getöse,  auf dem Platz vor dem Haus, wach geworden. „Charlie, würdest du mal runterkommen? Ich möchte dir einen guten Freund vorstellen!“ rief Ben zu ihr hinauf.

    Charlie öffnete die Tür und schaute von der Empore, auf der sie stand, auf die beiden herunter. Sie hatte die kundenbunten Socken und das graue T-Shirt, das ihr bis über die Knie reichte an. Nun benutze sie das T-Shirt als Nachthemd, da Ben keinen Schlafanzug in ihrer Größe für Sie hatte. „Charlie, würdest du dir etwas anziehen und zu uns runterkommen?“ bat Ben sie.

    Charlie zog sich an und kam zu den beiden herunter. Sie hatte ihr Sweatshirt und ihre Latzhose an und weiterhin die kunterbunten Socken. Ben stellte sie einander vor. Sie mochte Anton auf Anhieb. Er war groß, etwas dicklich und in seiner Arbeitsuniform sah er aus wie ein orangefarbener Grizzlybär.

    Während Ben und Anton sich weiter unterhielten, ging Charlie in die Küche und machte sich eine heiße Schokolade. In den paar Tagen, in denen sie bei ihm war, hatte Ben sie dazu gebracht, sich selbst zu versorgen. Schließlich war er keine Bedienung. Selbst bei der Zubereitung der täglichen Mahlzeit wurde sie mit eingespannt. Sie liebte es, Ben dabei zu helfen.

    Ein lautes Hupen von draußen erregte ihre Aufmerksamkeit. Anton und Ben schauten in Richtung Eingangstür, die noch offen stand. Sie konnten erkennen, dass ein schwarz-weißes Fahrzeug mit der Aufschrift „Police“ direkt vor dem Treppenaufgang zur Terrasse stehen blieb. „Die scheinen es ja wirklich verdammt eilig zu haben, die kleine hier abzuholen!“ äußerte Anton mit erregter Stimme. Ben und Anton gingen auf die Eingangsterrasse, um den Mountie zu begrüßen.

    Ein großgewachsener, muskulöser Mann in seiner roten Paradeuniform stieg aus dem Wagen. Er rückte seinen breitkrempigen Hut zurecht und kam auf Ben und Anton zu. „Guten Morgen Mr. Stone!“ „Hallo Anton“ begrüßte er die beiden mit seiner rauen Stimme. „Guten Morgen Walter! Heute so schick gekleidet?“ entgegnete ihm Anton.

    Walter war für diese Provinz der zuständige Mountie und natürlich kannte jeder ihn. Als sie sich die Hände gaben, kam ein weiteres Fahrzeug auf Bens Haus zu. Es war ein blauer SUV, neuester Bauart. Der Wagen stoppte hinter Walters Truck.

    Eine sehr junge, fast kindlich aussehende Frau stieg aus dem Wagen. Die dicke Daunenjacke, die sie trug, schien viel zu groß für ihren zierlichen Körper zu sein.

    Bevor sie zu den drei kamen, schaute sie sich um und schüttelte den Kopf. „Der Ort hier liegt ja am Ende der Welt. Wie kann man hier nur leben?“ Mit diesen Worten kam sie auf die drei auf der Terrasse stehenden Männer zu.

    Ben, Anton und Walter schauten sich an und alle drei hatten denselben Gedanken. Diese Frau ist unsympathisch! Schließlich war dies der Ort, an dem die drei zu Hause waren.

    Die junge Frau stellte sich als Mitarbeiterin des zuständigen Jugendamtes vor, und sei gekommen, um Charlotte abzuholen. Charlie, die sich hinter der Eingangstür versteckt hatte, belauschte wieder einmal das Gespräch.

    Die Frau vom Jugendamt war Charlie ebenfalls sofort unsympathisch. Schon allein aus dem Grund, dass sie sie Charlotte genannt hatte. Ohne einen der drei richtig zu begrüßen, kam sie sofort zur Sache. Sie wendete sich an Walter, den Mountie.

    „Könnten Sie dafür sorgen, dass die Kleine ihre Sachen packt, damit wir hier so schnell wie möglich wieder wegkommen!“

    Walter war fassungslos. Das Auftreten dieser jungen Frau war für ihn nicht tragbar. „Hören Sie zu, junges Fräulein, nicht in diesem Ton. Das geht auch freundlicher!“ Walter wandte sich an Ben.

    „Mr. Stone, kann es sein, dass sich das besagte Mädchen bei Ihnen aufhält?“ „Wenn ja könnten Sie sie bitten herzukommen?“ Ben drehte sich um und sah Charlie, wie sie sich hinter der Eingangstür versteckte.

    Ben signalisierte ihr, dass sie zu ihm kommen sollte. Sie kam sie aus ihrem Versteck, hinter der Eingangstür, ging sofort zu Ben und klammerte sich an seine Hüfte. „Mit der gehe ich nicht!“ sagt Sie energisch.

    Dass Sie hier nicht bleiben konnte, hatte Ben ihr in den letzten Tagen klargemacht. Aber so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Diese Kuh war arrogant und eingebildet.

    Sie hatte gehofft, dass jemand kommt, der genauso einfühlsam war wie Ben. Oder zumindest so verständnisvoll wie die, die Sie bei ihren früheren Fluchtversuchen zurückgebracht haben.

    „Gehen wir doch erst einmal rein!“ sagte Ben, drehte sich um und ging mit Charlie im Arm in Richtung Eingang. Plötzlich blieb Ben stehen und wandte sich an die junge Frau vom Jugendamt. „Sie nicht!“ „Warten Sie hier draußen!“

    Geschockt und empört über das, was Ben sagte, wandte sie sich an Walter. „Das kann er nicht tun. Ich habe ein Recht darauf, zu sehen, wie die Kleine untergebracht war!“

    „Das haben Sie nicht!“ „Das ist Mr. Stones Haus und er bestimmt, wen er in sein Haus lässt oder auch nicht. Finden Sie sich damit ab!“ „Muss ich Ihnen erklären, dass Mitarbeiter des Jugendamts über keinerlei Sonderrechte verfügen.

    Sie dürfen keine Wohnung, kein Haus, kein Grundstück ohne die Einwilligung des Besitzers betreten. Seien Sie froh, dass Sie hier warten dürfen. Mr. Stone hätte Sie auch von seinem Grundstück verweisen können!“

    Wütend und mit hochrotem Kopf blieb sie auf der Terrasse stehen. Anton ging als letzter ins Haus und schloss die Eingangstür hinter sich. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, folgte er den anderen. Der haben wir es gezeigt, dachte er.

    Anton ging in die Küche und holte sich einen frischen Kaffee, während Walter und Ben am Esstisch saßen und miteinander redeten. Charlie stand hinter Ben und hielt ihn an den Schultern.

    Eigentlich hätte Anton längst wieder auf der Straße sein sollen, da seine Arbeit hier schon erledigt war. Doch Anton war neugierig. Er wollte unbedingt wissen, wie es hier weitergeht.

    Ben bat Anton, auch Ihnen eine Tasse Kaffee zu bringen. Charlie, half Anton dabei. Walter erklärte Ben, dass sein Vorgesetzter ihn damit beauftragt hatte, sich um diese Angelegenheit hier zu kümmern.

    Charlie stellte die Tasse Kaffee vor Ben auf den Tisch. „Mit der fahre ich nicht zurück. Vorher haue ich lieber wieder ab!“ sagte Charlie und setzte sich trotzig auf den freien Stuhl neben Ben. „Red. kein Unsinn! Wir haben das doch besprochen!“ entgegnete, ihr Ben.

    Walter spürte die angespannte Stimmung zwischen den beiden und lenkte ein. „Wie wäre es, wenn ich dich zurück ins Waisenhaus fahre?“ Charlie schaute erst Walter, dann Ben an. „Damit wäre ich einverstanden!“ Ben war stolz auf Charlie.

    Sie war ein vernünftiges und kluges Mädchen. Ben forderte Charly auf, sich ihre Schuhe anzuziehen, denn nur mit den Socken an den Füssen konnte sie unmöglich mitfahren. Sie folgte Bens Anweisung und ging auf ihr Zimmer.

    Anton setzte sich zu den beiden an den Esstisch und äußerte seine Meinung über das soziale System in diesem Land. Walter entgegnete ihm „Gesetz ist Gesetz, und Vorschriften sind Vorschriften!“ „Jeder hat das Recht, diese zu hinterfragen und gegebenenfalls eine Änderung zu beantragen!“ Walter war durch und durch ein Mountie. Immer sachlich, immer korrekt.

    Angezogen mit ihren halbhohen Schuhen, der Latzhose und dem verfilzten Pulli, kam Charlie wieder zurück. Walter, schaute sie an. „Ist das alles? Und wo ist deine Jacke?“ „Die hat Ben in den Müll geworfen!“ sagte sie und schaute Ben mit einem ernsten Gesicht an. „Das alte Ding konntest du unmöglich wieder anziehen. Die war vollkommen zerrissen und die Hälfte der Daunen fehlten schon!“ entgegnete Ben.

    Für Anton wurde es Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen. Schließlich wollte er keinen Ärger mit seinem Boss. Er verabschiedet sich von den dreien und wünscht Charlie noch viel Glück bei allem, was noch geschehen würde. Dann verließ er das Haus. Man hörte, wie er den Motor seines Trucks startete und sich langsam entfernte.

    „Es wird Zeit, dass wir auch langsam mal fahren!“ „Es ist noch ein langer Weg bis zum Waisenhaus!“ sagte Walter zu Charlie und erhob sich von seinem Platz. „Ich werde draußen auf dich warten. Ihr könnt euch in Ruhe voneinander verabschieden!“ Mit diesen Worten ging Walter nach draußen.

    „Tja nun ist es soweit. Du musst gehen aber wie versprochen, wir bleiben in Kontakt!“ sagte Ben mit einer traurig klingenden Stimme. „Ich werde dich auch vermissen!“ mit diesen Worten stand Charlie von ihrem Platz auf und fiel Ben um den Hals. Tränen flossen ihr übers Gesicht. Ben löste ihre Arme und holte sein Smartphone aus seiner Gesäßtasche. „Ich habe noch ein kleines Abschieds-Geschenk für dich!“ Ben schob ihren verfilzten Pulli nach oben und steckte das Smartphone in die Brusttasche ihrer Latzhose. „Damit kannst du mich jederzeit erreichen.

    Meine Nummer erscheint als Erstes im Display, wenn du es einschaltest!“ Charlie legte ihre Hand auf die Brusttasche, in der sich nun das Smartphone befand. „Die im Heim werden es mir wegnehmen!“ sagte sie mit einem traurigen Gesichtsausdruck. „Keine Angst. Ich werde mich darum kümmern, wenn es so weit kommen sollte!“ versuchte, Ben Charlie zu beruhigen.

    Sie zweifelte daran, dass Ben etwas dagegen tun könnte. Ben stand auf und begleitete Charlie nach draußen. Draußen angekommen konnten sie sehen, wie Walter mit der Frau vom Jugendamt heftig diskutierte. Schäumend vor Wut  stieg sie in ihren Wagen und wendete ihn, wobei sie Walter fast überfahren hätte. Dann fuhr sie davon.

    Walter ging zu seinem Truck und öffnete die Beifahrertür. „Ausnahmsweise darfst du heute vorne sitzen, normalerweise verfrachte ich Verbrecher auf die Rückbank!“ sagte er mit einem Grinsen im Gesicht. Charlie fand Walter sehr nett, obwohl er sich das, mit dem Verbrecher, hätte sparen können. Schließlich hatte sie kein Verbrechen begangen.

    Sie umarmte Ben noch einmal herzlich und stieg dann in den Wagen. Walter schloss die Beifahrertür und ging auf die Fahrerseite. „Ich werde dafür sorgen, dass sie gut im Heim ankommt!“ „Ich werde auch ab und zu einmal vorbeischauen, um zu sehen wie es ihr geht!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Walter von Ben, stieg in seinen Truck, startete den Motor und fuhr davon. Ben konnte sehen, wie Charlie sich umdrehte und im zaghaft Zuwinkte. Ben war wieder allein.

    Als er wieder zurück ins Haus ging und die Tür hinter sich schloss, bemerkte er die Wollmütze an der Garderobe. Charlie hat sie wohl vergessen. Oder hat sie sie absichtlich hier gelassen? Anscheinend wollte sie verhindern, dass er sie vergaß und die Wollmütze sollte Ihn an Sie erinnern.

    5. Waisenhaus

    Es war jetzt Ende Februar und schon gut zwei Wochen her, dass Charlie zurück ins Weißenhaus gebracht wurde. In diesen zwei Wochen nachdem sie gegangen war, telefonierten Ben und Charlie jeden Tag miteinander.

    Dann herrschte plötzlich Funkstille. Ben wartete noch zwei Tage, bevor er sich in seinen roten Truck setzte und sich auf den Weg ins Weißenhaus machte. SEL, seine KI hat ihm mitgeteilt, dass sich das GPS-Signal des Smartphones, seit ihrem letzten Anruf, nicht mehr bewegt hatte.

    Ben konnte sich nicht vorstellen, dass Charlie plötzlich nicht mehr mit ihm telefonieren wollte. Er vermutete, dass man es Ihr weggenommen hatte. Es war noch dunkel als Ben seine Fahrt früh am Morgen begann.

    Das Waisenhaus lag am anderen Ende der Stadt und er wusste auch, dass es eine lange Fahrt werden würde um dorthin zu gelangen. Es war gegen Mittag als Ben endlich am Weißenhaus eintraf. Das Gelände, auf dem sich das Waisenhaus befand, war von einer großen roten Backsteinmauer umgeben. Ein großes Schmiedeeisernes Tor versperrt Ben den Zugang auf das Gelände.

    Er stieg aus seinem Truck und ging zu der am Tor angebrachten Gegen-sprechanlage. Eine leicht verzerrte Männerstimme ertönte, nachdem er den Ruf Knopf gedrückt hatte. „Guten Tag, Sie wünschen?“ ein rauschen folgte „Ich würde gerne mit der Leitung des Heims sprechen!“ „ Mein Name ist Stone!“ „Es geht um Charlie!“ Ben korrigierte sich.  „Charlotte Jones!“

    Die Sprechanlage verstummte und es dauerte eine Weile, bis sich wieder jemand meldete. „Sie können einfahren!“ „ Miss. Warner erwartet sie in ihrem Büro!“ Das Tor öffnete sich automatisch und Ben fuhr durch einen großen gut angelegten Park zum Hauptgebäude des Waisenhauses.

    Das Gebäude mit seinen großen Glasfenstern und dem überdachten Eingangs-bereich wirkte sehr modern. Das zweistöckige Gebäude war in mehrere Blöcke aufgeteilt, die durch Glastunnel miteinander verbunden waren. Dieses Gebäude war ganz anders als Ben es sich vorgestellt hatte. Er erwartete eigentlich ein altes düsteres Haus vorzufinden.

    Bisher sah alles recht gut aus, bis auf die große Mauer, die das Gelände umgab. Ben stellte seinen Truck auf dem Parkplatz, auf dem ein Schild mit „Besucher“ angebracht war, ab. Ein junger Mann in Jeans und blauem Karo Hemd wartete bereits am Eingangsbereich zum Gebäude auf ihn. „Guten Tag Mr. Stone, wir haben über die Sprechanlage miteinander gesprochen!“ „Mein Name ist Peter und ich werde Sie zu Miss. Warner begleiten!“

    Peter führte Ben durch die Eingangshalle und erzählte ihm die Historie des Waisenhauses. Ben erfuhr, dass das alte Gebäude, das baufällig war, abgerissen und von einem Architekten, der selbst ein Waisenkind war, und hier aufgewachsen ist, wieder neu aufgebaut wurde.

    Peter schwärmte von der Architektur des Gebäudes und von der perfekten Raumaufteilung, die der Architekt vorgenommen hatte. Ben fand, Peter wäre ein guter Immobilienmakler. Er redete so als wolle er Ben das Gebäude verkaufen.

    Vor einer Tür mit der Aufschrift „Heimleitung“ blieb Peter stehen. „So Mr. Stone, wir sind da. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich und ging den Weg zurück, den sie gekommen waren.

    Ben klopfte an die Tür. Eine Frauenstimme sagte ihm herein. Eine ältere, weißhaarige Frau saß hinter ihrem Schreibtisch und schaute zu Ben auf. „Mr. Stone herzlichst Willkommen!“ „Peter hat mir Bescheid gesagt, dass sie kommen!“ „Miss Warner wartet schon auf Sie!“

    Sie deutete auf eine Tür auf ihrer rechten Seite des Raumes. Ben klopfte an und ging hinein. Eine junge Frau, mit hüftlangem dunkelbraunem Haar, erhob sich aus ihrem bereiten gut ausgepolsterten Bürostuhl, der hinter einem wuchtigen, aus kanadischer Eiche gefertigten Schreitisch stand.

    „Es ist schön, Sie mal kennen zu lernen, Mister Stone!“ „Charlotte schwärmt die ganze Zeit nur von Ihnen!“ Ben schaute die Frau ihm gegenüber etwas irritiert an. Anscheinend ignorierte man hier Ihren Wunsch, „Charlie“ genannt zu werden.

    Miss. Warner bot Ben einen Platz in der gepolsterten Sitzecke am Fenster an. Nachdem Ben Platz genommen hatte, setzte sich auch Miss. Warner zu ihm. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“ fragte sie und schaute ihn mit einem bewundernden Blick an.

    Ben schätzte die Frau auf Ende 30, vielleicht auch etwas jünger. Aber beim schätzen des Alters einer Person lag Ben meistens daneben. „Ein Kaffee wäre nicht schlecht!“ „Wenn dies möglich wäre!“ „Aber sicher Mr. Stone!“ „Milch, Zucker?“ „Nein danke!“  antwortete Ben.

    Sie stand auf und verließ den Raum, um kurz darauf wieder zurückzukehren. In der Hand hielt sie eine kleine Tasse Kaffee, diese stellte sie vor Ben auf den Tisch. Sie setzte sich wieder und erzählte Ben, was Charlotte bzw. Charlie über die Zeit bei Ben berichtet hatte.

    Ben brachte das Smartphone zur Sprache, und fragte, weshalb man es ihr abgenommen hätte. Miss Warner,  erläuterte  Ben, dass Smartphones generell, für die hier untergebrachten Kinder nicht zugelassen wären. Diese würden nur den Neid der Kinder hervorrufen, die kein Smartphone besitzen, und es würde auch das soziale Verhalten der Kinder beeinträchtigen.

    Ben konnte dies gut verstehen. Wie oft hat er schon Jugendliche zusammen stehen sehen, die nur auf ihr Smartphone schauten und sich nicht miteinander unterhielten. Miss Warner konnte nicht verstehen, wie Charlie es geschafft hatte, das Smartphone hier hereinzuschmuggeln. Ben musste schmunzeln. Charlie war ein cleveres Mädchen!

    Nach einer ausgiebigen Beschreibung der Möglichkeiten, die den Kindern hier im Heim geboten wurden, fragte Ben Miss. Warner, ob er Charlie mal sehen könnte.

    Diese stimmte zu und führte Ben in den Speisesaal, wo sie sich zu dieser Zeit aufhalten müsste. Charlie saß an einem der zahlreichen Tische im Speisesaal und stocherte in ihren Teller. Als Ben und Miss Warner den Speissaal betraten, schauten alle Anwesenden in ihre Richtung, auch Charlie.

    Charlie ließ ihre Gabel fallen, sprang auf und rannte quer durch den Speisesaal auf Ben zu. Sie rief laut Bens Namen und klammerte sich an seinen Hals. Sie umklammerte ihn so fest, dass er fast keine Luft mehr bekam. „Hallo Charlie, könntest du bitte wieder loslassen? Ich bekomme keine Luft mehr!“ sagte Ben dem ersticken nahe.

    Nachdem sie ihn wieder losgelassen hatte, begann Charlie sich darüber zu beschweren, dass man ihr das Smartphone weggenommen hatte. Ben legte seine Hand auf ihre Schulter und sagte ihr, dass sie darüber noch einmal miteinander reden müssten.

    Miss Warner war erstaunt, wie vertraut die beiden miteinander umgingen. Und das obwohl Charlie, nur acht Tage wie man ihr sagte,  bei Mr. Stone verbracht hatte. „Könnte ich allein mit Charlie reden, wenn das möglich ist?“ fragte Ben Miss. Warner.

    „Aber sicher Mr. Stone, Sie könnten in den Park gehen!“ „Charlie zeigt ihnen den Weg!“ Charlie packte Bens Hand und zog Ihn in Richtung einer Glastür, die nach draußen führte. Miss. Warner blieb zurück und schaute den beiden nach. Die beiden passen gut zusammen, dachte sie, und ging zurück in ihr Büro.

    Charlie und Ben machten einen langen Spaziergang und Charlie erzählte Ben von den letzten beiden Tagen hier im Heim. Sie ärgerte sich über sich selbst, da sie so dumm war und sich mit dem Smartphone hatte erwischen lassen.

    Ben versuchte, Charlie zu erklären, warum man ihr das Smartphone weggenommen hatte. Irgendwie konnte sie das auch verstehen. Doch sie hatte immer nur mit Ben telefoniert und das nur ganz kurz. Sie hing also nicht den ganzen Tag an diesem Gerät. Und mit den anderen Kindern hier im Heim, unterhielt sie sich auch recht oft.

    Ben nahm Charlie in den Arm und sagte ihr, dass er sich darum kümmern werde, dass sie ab und zu doch mit ihm telefonieren könnte. Charlie führte Ben über das Gelände und zeigte ihm, ihr Zimmer indem sie untergebracht war.

    Sie musste sich das Zimmer mit einem Mädchen teilen das genauso alt war wie sie. Zwei Schreibtische standen vor dem großen Fenster durch das man in den Park schauen konnte. Rechts und links davon befand sich jeweils ein Bett an dessen Fußende sich ein Kleiderschrank befand.

    Die Wand über einem der Betten war mit Postern von irgendwelchen Boy Grupps beklebt und auf dem Bett lag ein hellbrauner Teddybär. Das dürfte dann wohl das Bett ihrer Mitbewohnerin sein.

    So wie er Charlie nach der kurzen Zeit die sie bei ihm verbracht hatte einschätzte war sie nicht der große Boy Grupp Fan, und auch konnte er sich nicht vorstellen dass sie auf Teddybären steht.

    Das Bett auf der anderen Seite war fein säuberlich gemacht und die Wand war nicht mit irgendwelchen Postern beklebt, sondern strahlend weiß. Auf dem Schreibtisch neben ihrem Bett lagen Schulbücher und ein Schreibheft auf dem ein Kugelschreiber lag. Der andere Schreibtisch war leer.

    „Hier sieht alles ganz ordentlich und aufgeräumt aus!“ „Gefällt mir!“ sagte Ben zu Charlie und setzte sich auf das gemachte Bett. „Was willst du damit sagen?“ fragte Charlie mit zusammengekniffenen Augen und in die Hüfte gestützten Händen.

    „Als ich bei dir wohnte habe ich mein Zimmer auch immer aufgeräumt und mein Bett selbst gemacht!“ „Ich sagte doch nur das es mir hier Gefällt!“ entgegnete ihr Ben. „Oh dir gefällt es hier!“ „Warum bleibst du dann nicht gleich hier und ich gehe zurück in dein Haus!“

    Ben packte Charlie an einer Hand und zog sie zu sich. Er begann sie unter den Armen zu kitzeln. „Aufhören, das war nur ein Scherz!“ sagte sie laut lachend. Charlie vermisste die Zeit bei Ben. Wie oft hatten sie miteinander Blödsinn gemacht.

    Eine Mehlschlacht als sie gemeinsam einen Kuchen gebacken haben. Die Schneeballschacht bei der Ben die Scheibe in seinem Schuppen eingeworfen hat. Gut, Blödsinn war das alles nicht! Aber es hat Spaß gemacht. Hier im Heim hatte sie auch ihren Spaß aber das war ganz etwas anderes.

    Es wurde langsam Zeit für Ben sich zu verabschieden, schließlich hatte er noch einen langen Weg vor sich. Er wollte auch noch mit Miss. Warner sprechen bevor er ging. Charlie begleitete Ben bis vor die Tür des Vorzimmers von Miss. Warners Büro. „Ich warte hier auf dich!“ sage Charlie und setzt ich auf die Bank neben dem Eingang. „Ist in Ordnung ich werde nicht lange brauchen!“ mit diesen Worten betrat Ben das Vorzimmer.

    Die ältere Dame mit den weißen Haaren stand am Kopierer und erschrak als Ben plötzlich hinter ihr stand. „Entschuldigen sie wenn ich sie erschreckt habe!“ „Ich würde gerne noch einmal mit Miss. Warner sprechen!“

    Ganz blass im Gesicht klopft sie an die Tür hinter der sich Miss. Warners Büro befand. Sie öffnete die Tür und teilte Ihr mit das Mr. Stone sie noch einmal sprechen möchte. „Aber sicher Marta, einen Moment, ich beende eben nur mein Gespräch!“ antwortete Miss. Warner. Marta drehte sich zu Ben um und bot ihm an doch bitte Platz zu nehmen.

    Der Stuhl den sie ihm anbot stand direkt neben Miss. Warners Tür. Marta hatte die Tür nicht richtig geschlossen und Ben konnte hörten wie Miss. Warner im Hintergrund Telefonierte und sich von ihrem Gesprächspartner verabschiedete. „Ich hab noch ein wichtiges Gespräch Schatz!“ „Sehen wir uns später?“ „Ich freu mich, bis dann!“

    Nach einer kurzen Pause öffnete sich die Tür. „Mr. Stone kommen sie herein!“ Miss. Warner stand lächelnd in der Tür und sie strahlte über das ganze Gesicht. Man konnte sehen, dass sie glücklich war. Ben folgte ihr ins Büro. Miss. Warner setzte sich hinter ihren Schreibtisch und bat Ben den Stuhl davor an.

    „Und Mr. Stone wie gefällt ihnen unsere Einrichtung?“ „Ich gehe davon aus, das Charlie ihnen alles gezeigt hat was wir hier den Kindern alles bieten können!“ Ben überlegte: Könnte es sein das man ihm dieses Waisenhaus verkaufen wollte? Schon bei seiner Ankunft benahm sich Peter, der ihn in Empfang genommen hatte, wie ein Verkäufer! Und nun fragte man ihn ob er alles gesehen hat und wie es ihm gefiel.

    „Entschuldigen sie Miss. Warner ich bekomme hier irgendwie den Eindruck man wolle mir das Waisenhaus verkaufen!“ „Oh, das müssen sie missverstanden haben Mr. Stone!“ „Wir sind hier, wie sie sicher Wissen, eine Staatliche Einrichtung, aber die Geldmittel die wir erhalten sind begrenzt!“ „Ich habe mir angewöhnt alle Besucher unserer Einrichtung, dazu zu bewegen uns zu unterstützen, damit wir unseren Standard den wir erreicht haben erhalten können!“

    „Das Verstehe ich!“ „Diese Einrichtung ist ganz anders als ich mir ein  Waisenhaus vorgestellt habe!“ „Es vermittelt mir mehr den Eindruck eines Internats!“ „Die intrigierte Schule, die Sport- und Freizeitmöglichkeiten die sie hier den Kindern bitten sind bemerkenswert!“ antwortete Ben mit Begeisterung.

    „Das find ich auch!“ „Doch das kostet alles Geld und bei den staatlichen Zuwendungen wird immer mehr gespart!“ Miss. Warner lehnte sich in ihren bequemen Bürostuhl zurück. „Aber sie möchten mit mir sicher über Charlie sprechen, hab ich recht?“ „Ja, Miss. Warner!“ „Zum einen möchte ich sie bitten, dass Charlie mich ab und zu anrufen darf!“ „Es wäre schön wenn sie dazu mein Smartphone, das ich ihr gegeben habe, benutzen dürfte!“ „Ich möchte sie gerne sehen wenn ich mit ihr spreche!“ „Es würde mich auch freuen wenn sie mich Informieren, sollte es mit Charlie Probleme geben!“

    Miss. Warner dachte nach. Ben konnte dies an den Falten auf ihrer Stirn erkennen. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und wartete auf ihre Antwort. „Das könnte ich schon einrichten Mr. Stone, aber ich hätte noch eine Frage!“ „Aber verstehen sie mich bitte nicht Falsch!“ „Warum interessieren sie sich so für Charlie?“

    Bevor Ben Antworten konnte fuhr sie fort. „Mein…“ sie stockte kurz. „Jemand der sie kennt Mr. Stone, hat mir gesagt, dass sie ein anständiger und in ihrer Gemeinde angesehener Mann sind!“ „Auch das was Charlie über sie erzählt hat klang als hätte sie sich bei ihnen sicher und aufgehoben gefühlt!“ „Ich weiß auch natürlich nicht, wie ihre Frau dazu steht, doch haben sie mal darüber nachgedacht Charlie zu adoptieren?“

    Ben war sprachlos. Es war ihm nie in den Sinn gekommen Charlie bei sich aufzunehmen, geschweige denn sie zu adoptieren. Anscheinend hat niemand ihr gesagt, dass Ben alleine draußen in der Wildnis lebte.

    Miss. Warner wartete kurz, dann sprach sie weiter. „Ich gehe einmal davon aus, dass sie sich davon überzeugen konnten, dass Charlie hier bei uns gut aufgehoben ist!“ „Wir versuchen den Kindern hier ein sicheres und behütetes Umfeld zu schaffen!“ „Und obwohl wir alles getan haben damit Charlie sich hier wohlfühlt ist sie weggelaufen!“

    Ben stand von seinem Platz auf und ging an das große Fenster an der Seite des Büros. Er schaute hinaus auf den weit ausgedehnten Park. Nach einem Moment des Nachdenkens drehte er sich zu Miss. Warner um.

    „Sie glauben also, wenn ich Charly bei mir aufnehmen würde, würde sie nicht mehr weglaufen?“ „Ich weiß nicht, was Charlie oder ihr Bekannter ihnen erzählt haben!“

    „Aber die beiden haben etwas Wichtiges vergessen!“ „Sie haben Ihnen nicht gesagt, dass ich völlig allein draußen in der Wildnis lebe!“ „Nicht gerade ein Ort, an dem ein kleines Mädchen wie Charlie sich aufhalten sollte!“

    „Dieser Ort hier bietet Ihr alles, was sie zum Start in ihr Erwachsenenleben braucht!“ „Ich werde versuchen, weiterhin Kontakt mit Charlie zu halten und ich werde auch ihr Institut so gut unterstützen, wie ich nur kann!“ „Aber Sie verstehen sicher, dass ich Charlie nicht bei mir aufnehmen kann!“

    Miss. Warner stand auf und ging zu Ben ans Fenster. „Ich freue mich, dass Sie bereit sind, unser Institut zu unterstützen!“ „Und ich verstehe jetzt auch, da sie allein leben, dass sie sich nicht um Charlie kümmern können!“

    „Aber ich glaube, dass Charlie dies nicht verstehen wird!“ „Sie fühlt sich zwar im Moment hier wohl aber auch nur, weil sie Kontakt zu Ihnen halten konnte!“ „Es ist zwar nur ein Gefühl von mir, das ich habe, aber ich befürchte, dass Charlie irgendwann wieder einmal weglaufen wird!“ „Und ich habe Angst, dass die Sache dann nicht so gut ausgehen wird wie bei Ihnen!“

    Ben verabschiedete sich von Miss. Warner und ging nach draußen zu Charlie. Charlie konnte sehen, dass Ben über irgendetwas nachdachte. „Und was hat sie gesagt? Bekomme ich mein Smartphone wieder?“ fragt sie ihn ein wenig aufgeregt.

    Ben setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem von Charlie stand, und lehnte sich zurück. Sie wartete gespannt auf seine Antwort. Ben erklärt Charlie, dass Miss Warner Ihr das Smartphone ab und zu zur Verfügung stellen wird, damit sie mit ihm telefonieren konnte.

    Ben schaute ihr in das etwas enttäuschte Gesicht. „Wir haben zwar schon darüber geredet!“ „Aber bitte Charlie, versprich mir, dass du nicht wieder wegläufst!“ Charlie verstand nicht, wie Ben plötzlich darauf kam, dass sie wieder weglaufen würde. So lange sie mit Ben in Kontakt bleiben konnte und er sie ab und zu mal besuchen würde, wäre alles Ok. Charlie nahm Bens Hand. „Ich verspreche es dir!“ „Ich lauf nicht weg!“

    Ben glaubte ihr, stand auf und sagte Charlie, dass es nun Zeit wäre, dass er nach Hause fährt. Schließlich wollte er nicht mitten in der Nacht zu Hause ankommen. Die beiden gingen zu Bens Wagen und Charlie verabredete sich mit einer festen Umarmung von Ben. Er schaute in den Rückspiegel seines Trucks, als er das Gelände verließ und konnte sehen, wie Charlie ihm nachwinkte.

    6.Freundschaften

    Es waren nunmehr fast zwei Jahre vergangen und Charlie befand sich immer noch hier im Waisenhaus. An eine Flucht hatte sie überhaupt nicht mehr gedacht. Ben hatte sein Versprechen gehalten und sie jede Woche mindestens einmal besucht. Außer natürlich im Winter, da musste er oft die Besuche absagen.

    Auch Miss. Warner hielt sich an ihr Versprechen, das sie ab und zu mit Ben, in Ihrem Büro mit Bens Smartphone, telefonieren durfte. Sie verließ dann immer den Raum und machte einen Spaziergang im Park. Am Anfang dachte sie, dass Miss. Warner den Raum verließ, damit sie alleine mit Ben sprechen konnte.

    Doch eines Tages, als sie aus dem Fenster des Büros schaute, konnte sie sehen, wie Miss. Warner und Walter der Mountie händchenhaltend durch den Park gingen. Jetzt wusste sie auch, warum Walter so oft bei ihr vorbeischaute. Die beiden waren verliebt. Ben musste lachen, als sie ihm das am Telefon erzählte.

    Er freute sich für die beiden und Charlie war stolz, dass sie die beiden zusammengebracht hatte. Denn hätte Walter sie damals nicht ins Waisenhaus zurückgefahren, hätten die beiden sich nie kennengelernt.

    Charlie selbst schwärmte für einen Jungen aus der „Senior High School“ in die sie nächstes Jahr wechseln würde. Er war der Captain der Nachwuchs Eishockey-Mannschaft hier in Vancouver. Da auch einige Jungs aus dem Waisenhaus in der Mannschaft spielten, hatte sie die Gelegenheit, bei jedem Heimspiel, das die Mannschaft hatte, dabei zu sein.

    Charlie belauschte einmal ein Gespräch, das Miss. Warner und Walter bei einem Heimspiel der Eishockey-Mannschaft,  geführt hatten. Bei diesem Gespräch ging es um die Zuwendung, die Ben dem Waisenhaus zukommen ließ. Er hatte zum Beispiel die neuen Solarpanelen auf dem Dach finanziert. Auch der neue Computerraum neben der Bibliothek wurde von ihm bezahlt. Sie wusste gar nicht, dass Ben so reich war.

    Peter saß in dem kleinen Büro am Haupteingang des Waisenhauses. Peter war auch ein Waisenkind und hier in diesem Heim aufgewachsen. Nach seiner Schulausbildung wollte er weiterhin für das Heim da sein. Er war nun 28 Jahre alt, verheiratet und hatte eine kleine Tochter, die ihn öfters hier besuchte.

    Er war Portier und Wachmann in einer Person. Auf seinem Schreibtisch waren mehrere Monitore aufgestellt, auf denen er die Bilder der Überwachungskameras, die im Park aufgestellt waren überwachen konnte. Auf einem der Monitore war das Bild der Überwachungskamera des Eingangstors zu sehen.

    Peter achtete stets darauf, dass kein Unbefugter das Gelände betritt. Es war seine Aufgabe, für die Sicherheit der hier untergebrachten Kinder zu sorgen. Er freute sich immer, wenn Besucher ins Waisenhaus kamen, denn die waren eine willkommene Abwechslung für ihn.

    Charlie hatte sich mit Peter angefreundet und kam immer mal kurz vorbei. Doch Peter war nicht der Grund, weshalb sie so oft bei ihm vorbeischaute. Der eigentliche Grund war sein Laptop, das er immer dabei hatte. Peter hatte Charlie erlaubt, damit im Internet zu surfen. Doch das durfte keiner wissen. Das war ihr Geheimnis. Peter war froh, dass Charlie öfters vorbeikam denn dann war er nicht so allein.

    Charlie hatte im Internet auch schon ein paar Freunde gefunden, mit denen sie ab und zu chattete. Nicht dass sie hier im Waisenhaus keine Freunde hätte. Aber sie fand die Gespräche und das, was sie miteinander unternahmen, mittlerweile langweilig. Das Internet war für sie viel interessanter. Da konnte sie die ganze Welt erforschen. Sie hätte auch in den neuen Computerraum gehen können. Doch dort war sie nicht allein und die Aktivitäten auf den Computern wurden überwacht.

    Peter hatte Charlie sogar ein eigenes E-Mail-Konto auf seinem Laptop eingerichtet. Und sie freute sich immer auf die Nachrichten, die sie von ihren Internetfreunden aus aller Welt bekam. Da gab es Kiki, eine Hawaiianerin, Peggy aus San Francisco und Sel aus London. Alle drei waren ungefähr in Charlies Alter und alle drei schwärmten davon, einmal die ganze Welt zu bereisen. Auch Charlie träumte davon.

    Charlie saß in ihrem Zimmer. Sie hatte kurz zuvor mit Ben telefoniert. Bei diesem Gespräch hatte Ben ihr gesagt, dass er eine Überraschung für sie hat und er würde am Sonntag ganz früh am Morgen zu ihr kommen. Charlie hatte Ben immer wieder gefragt, was für eine Überraschung doch Ben hatte ihr nichts verraten. Sie musste also bis Sonntag darauf warten.

    Es war noch früh an diesem Sonntagmorgen. Walter saß beim Frühstück, als sein Telefon plötzlich klingelte. Er stand auf und ging zum Telefon, das im Flur seines Hauses auf einer Kommode stand.  Am anderen Ende der Leitung meldete sich Susan aus der Zentrale des Polizeireviers. Sie hatte Wochenenddienst in der Telefonzentrale. Susan wusste, dass Walter mit einem Mr. Stone befreundet war und informierte ihn deshalb über den Überfall auf die Tankstelle. Ein Beamter der war vor Ort war, hatte in den Papieren der Opfer gesehen, dass ein gewisser Ben Stone eines der Opfer war und dies an die Zentrale weitergegeben.

    Walter schlüpfte sofort in seine Uniform und machte sich auf den Weg. An der Tankstelle angekommen erfuhr er, dass es zwei Opfer gab: einmal den Kassierer der Tankstelle und dann noch Ben. Der Kassierer war noch vor Ort verstorben und Ben hatte man bereits ins Krankenhaus gebracht.

    Zum Zeitpunkt als Walter im Krankenhaus eintraf, konnte er noch kurz mit dem Notarzt sprechen, der Ben eingeliefert hatte. Dieser hatte ihm gesagt, dass es nicht gut um Ben stehe. Walter ging sofort in den Empfangsbereich und fragte, wo man Ben hingebracht hätte. Man teilte ihm dort mit, dass er bereits im OP sei und er doch bitte im Warteraum platznehmen solle. Walter ging im Warteraum auf und ab. Er fühlte sich wie ein Tiger in einem viel zu engen Käfig. Immer wieder schaute er auf die große Uhr an der Wand.

    Walter hatte den Mann in seiner grünen OP- Kleidung, der plötzlich hinter ihm stand, gar nicht bemerkt. „Guten Morgen, sie sind sicher hier, um sich nach dem Schussopfer zu erkundigen?“ fragte er Walter, der in seiner Mountie-Uniform,  mit dem Rücken zu ihm stand.

    Walter drehte sich um. „Wie geht es ihm? Wird er durchkommen?“  Die Fragen über Bens Zustand schossen nur so aus ihm heraus. Der Arzt, der vor Walter stand, hätte ihm am liebsten eine Beruhigungsspritze gegeben. In einer sanften ruhigen Stimme teilte er Walter mit, dass die OP gut verlaufen sei, doch er könne ihm nicht garantieren, dass Ben überlebt.

    An diesem Sonntagmorgen war Charlie sehr früh aufgestanden und wartete ungeduldig am Haupteingang auf Ben. Immer wieder ging sie in den kleinen Überwachungsraum, der gleich neben dem Haupteingang lag. Peter hatte heute Freie, und Martin der sonst immer den Nachtdienst übernahm saß an seinem Schreibtisch. Charlie schaute auf die große Uhr, die an der Wand befestigt war. Nun war es schon 9:00 Uhr und Ben war immer noch nicht da.

    Martin war bereits Rentner und verdiente sich durch die Arbeit hier etwas zu seiner Rente hinzu. Er besaß einen langen dichten weißen Bart, und die wenigen Haare, die um seine Halbglatze kreisten, waren ebenfalls weiß. Sein Aussehen erinnerte Charlie ein wenig an den Weihnachtsmann. Was Martin auch für die Kinder hier im Waisenhaus jedes Jahr war. Er schlüpfte gerne in diese Rolle und freute sich, dass er die Kinder hier beschenken durfte.

    Sie wartete den ganzen Vormittag, doch er kam nicht. Martin versuchte Charlie zu trösten und sagte: „Vielleicht ist ihm etwas dazwischen gekommen.“ Doch Charlie wusste, dass Ben sich gemeldet hätte, wenn etwas dazwischen gekommen wäre.

    Sie saß vor ihrem Mittagessen im Speisesaal und starrte auf den noch unberührten Teller. Walter kam in den Speisesaal und hatte einen traurigen Gesichtsausdruck, als er auf Charlie zuging. Sie wusste gleich, dass irgendetwas passiert sein musste. Ihr Herz raste und sie schaute Walter mit einem fragenden Blick an.

    Der Platz neben Charlie war frei und Walter setzte sich zu ihr. Man konnte im Ansehen, wie schwer es ihm fiel mit ihr zu sprechen. „Nun sag schon, was ist passiert?“ schrie Charlie ihn an. Zögernd fing Walter an, Charlie zu erklären, was passiert war.

    Völlig geschockt saß Charlie da und Walter merkte, dass ihr Blick durch ihn hindurchging. Es dauerte einen Moment, bis Charlie wieder reagierte. „Ich will sofort zu Ben, bring mich zu Ben.“ schrie Charlie, stand auf und packte Walter an seiner roten Ausgehuniform. Tränenüberströmt klammerte sie sich an ihm fest.

    Miss. Warner, die das Ganze aus einiger Entfernung beobachtete, kam zu den beiden und fasste Charlie an den Schultern. Charlie ließ Walter los, drehte sich um und umklammerte auch sie. Karin, so hieß Miss. Warner, mit Vornamen, schaute Walter an. Dieser schüttelte den Kopf, um zu zeigen, dass dies nicht ging.

    Karin brachte Charlie auf ihr Zimmer. Sie beruhigte sich ein wenig und erzählte Miss. Warner, dass Ben ihr eine Überraschung versprochen hatte. Sie hatte sich so sehr auf diese Überraschung gefreut und nun das. Charlie fing wieder an zu weinen und vergrub ihr Gesicht in ihrem Kopfkissen.

    Karin blieb noch eine ganze Weile neben Charlie auf dem Bett sitzen. Irgendwann bemerkte sie, dass Charlie sich in den Schlaf geweint hatte. Sie zog die Bettdecke auf der sie lag vorsichtig unter ihr hervor. Bevor sie Charlie damit zudeckte zog sie ihr noch die Sneakers die sie anhatte vorsichtig aus.

    Sie verließ leise das Zimmer und bevor sie die Türe schloss warf sie noch einen kurzen Blick auf Charlie. Walter stand noch vor der Tür und hatte Greta, die das Zimmer mit Charlie teilte, davon abgehalten das Zimmer zu betreten. Walter erklärte ihr, dass Charlie jetzt Ruhe brauchte und sie, sie nicht stören solle. „Was ist passiert Miss. Warner? Geht es Charlie gut?“ fragte sie neugierig als Karin aus dem Zimmer kam.

    Karin faste Greta an der Schulter und führte sie vom Zimmer weg. „Hör zu Greta, Charlie hat eine schlechte Nachricht erhalten, und sie braucht jetzt Ruhe!“ „Wenn du ins Zimmer gehst, sei bitte leise, sie ist gerade erst eingeschlafen!“ „Sollte irgendetwas mit ihr sein sag mir sofort Bescheid!“ „Machst du das?“ „Aber klar, Miss. Warner ich werde auf Charlie aufpassen!“ antwortete sie mit Begeisterung.

    Greta war die geborene Aufpasserin. Sie verbrachte viel Zeit im Kindergarten der in einem Nebengebäude untergebracht war. Es machte ihr spaß auf die Kleinen aufzupassen. Ihr Traum war es einmal Erzieherin zu werden.

    Karin ging zurück zu Walter, umarmte ihn und drückte ihren Kopf fest gegen seine breite Brust. „Ich habe Angst Schatz!“ „Ich weiß nicht wie Charlie reagiert wenn Ben nicht überlebt!“ Walter drückte sie fest an sich. „Ich glaube fest daran dass er es schafft!“ „Ben ist ein zäher Brocken!“ Walter gab ihr einen tröstenden Küss auf ihre Stirn.

    7.Krankenhaus

    Es war schon später Nachmittag als Charlie wach wurde. Ihr Kissen war von ihren Tränen völlig durchnässt. Sie streifte die Decke, mit der sie zugedeckt war, von sich und setzte sich auf die Bettkante. Sie hatte immer noch die gleichen Kleider an wie am Morgen. Nur ihre Schuhe standen ordentlich vor ihrem Bett. Sie dachte wieder an Ben und sie war kurz davor, wieder zu weinen. Nein du weinst jetzt nicht, dachte sie. Ben wird wieder gesund.

    Mit diesen Gedanken ging sie zu dem kleinen Waschbecken, das im Zimmer angebracht war, und schaute in den darüber befindlichen Spiegel. Ihre Augen waren rot unterlaufen und ihre Wangen glänzten von den Tränen die sie vergossen hatte. Sie drehte den Wasserhahn auf und wusch sich ihr Gesicht. Ein erneuter Blick in den Spiegel zeigte ihr, dass sich nicht viel verändert hatte.

    Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, öffnete sie leise die Zimmertür und schaute in den Flur. Es war keiner zu sehen, sie hörte nur ein lautes Stimmengewirr aus der Richtung, in der sich der Speisesaal befand. Vermutlich waren alle im Moment beim Abendessen dort versammelt. Sie überlegte kurz, ob sie auch dort hingehen sollte. Schließlich hatte sie den ganzen Tag noch nichts gegessen.

    Charlie ging zurück zu ihrem Bett und zog sich ihre Sneakers an. Sie dachte wieder an Ben und fragte sich, wie es ihm jetzt wohl gehe. Sie hatte das Abendessen plötzlich vergessen und nur noch einen Gedanken. Sie musste irgendwie zu Ben. Aus ihrem Kleiderschrank nahm sie eine Jeansjacke und streifte sie sich über. Walter hatte gesagt, dass man ihn ins Surrey Memorial Hospital gebracht hätte.

    Vancouver war eine große Stadt und Charlie fragte sich, wie sie dort das Krankenhaus finden sollte. Ihr fiel ein, dass in der Bibliothek ein Prospekt mit den Sehenswürdigkeiten von Vancouver lag, und dass sich auf seiner Rückseite ein Stadtplan befand.

    Sie öffnete ihre Zimmertür und schaute, ob sich jemand im Flur befand. Der Weg war frei und sie machte sich auf den Weg in die Bibliothek. Immer wieder schaute sie sich ängstlich um. Sie wollte ja nicht erwischt werden. Der Prospekt, den sie suchte, lag immer noch an derselben Stelle, an der sie ihn zuletzt gesehen hatte. Sie steckte den Prospekt ein und verließ die Bibliothek durch die Glastür, die in den Park hinaus führte.

    Charlie hatte mittlerweile herausgefunden, wo die toten Winkel der Überwachungskameras lagen. Schließlich war sie oft genug bei Peter und hatte ihm zugeschaut. Sie setzte sich neben den Verschlag, in dem die Müllcontainer des Heims untergebracht waren.

    Der Plan war sehr klein und er zeigte nur die Hauptverbindungsstraßen durch die Stadt und um sie herum. Die Sehenswürdigkeiten waren darauf mit roten Punkten und Zahlen versehen. Wie sollte sie da ein Krankenhaus finden? Doch dann fielen ihr die weißen Quadrate mit dem roten Kreuz darin auf.

    Insgesamt gab es fünf von diesen Quadraten. Sie wusste aus dem Unterricht, dass diese Quadrate ein Krankenhaus oder eine Klinik auf einer Karte anzeigten. Aber welches von diesen Quadraten war nun das Surrey Memorial Hospital? Charlie fasst sich an den Kopf. Wie dumm kann man nur sein? Auf dem Weg ins Eis-Stadion waren sie schon hundert Mal daran vorbeigefahren. Sie brauchte die Karte gar nicht. Sie wusste, wo das Krankenhaus ist und das war gar nicht so weit weg.

    Jetzt müsste sie nur noch einen Weg finden, wie sie hier rauskommt. Die Mauer um das Gelände war viel zu hoch für sie, da würde sie niemals da rüberkommen. Außerdem waren die meisten Überwachungskameras darauf ausgerichtet. Über das Schmiedeeiserne Eingangstor ging es auch nicht da gab es gleich zwei Kameras die es überwachten.

    Es war Sonntag und es würde auch kein Lieferanten kommen in dessen Lieferwagen sie sich verstecken konnte. So wie bei ihrer letzten Flucht von hier. Sie schlich ganz dicht an der Hauswand des Gebäudes entlang bis zum Haupteingang. Sie wusste dass sie hier keine Kamera erfassen würde.

    Im Raum wo Martin vor den Überwachungsmonitoren saß, brannte Licht obwohl es noch Taghell war. Charlie schaute vorsichtig durch das Fenster. Martin saß an seinem Schreibtisch und blätterte in einer Zeitschrift. Als er einmal aufschaute duckte sich Charlie und hoffte dass er sie nicht gesehen hatte.

    Sie hockte nun mit dem Rücken an die Hauswand gelehnt auf dem Boden unter dem Fenster und überlegte. In einem Fahrradständer neben dem Eingang standen zwei Fahrräder. Sie wusste das eine war das von Martin und das andere gehörte Miss. Warner. Beide waren nicht abgeschlossen, warum auch, hier würde sie niemand stehlen. Oder doch?

    Charlie hatte nun einen Plan, jetzt musste sie nur noch dafür sorgen, dass Martin den Überwachungsraum verlässt. Sie erhob sich langsam und schaute wieder durch das Fenster. Martin saß immer noch auf seinem Bürostuhl und blätterte in seiner Zeitschrift. Völlig überraschend stand Martin auf. Charlie konnte sich gar nicht so schnell ducken, so unerwartet kam das Ganze für sie. Hatte er sie bemerkt?

    Martin stand auf und warf einen Blick auf die Monitore die vor ihm standen. Irgendetwas hatte sich gerade bewegt. Er schaute sich jeden Monitor genau an. Mit einer Taste an seinem Control Pult konnte er zwischen den Kameras hin und her Wechsel. Es war aber nichts Auffälliges zu sehn.

    Da er nun schon stand konnte er auch gleich zur Toilette gehen dachte Martin. Seine altersschwache Blasse meldete sich, und das viel zu oft, seiner Meinung nach. Martin schnappte sich die Zeitschrift in der er einen Artikel über Modelflugzeuge gefunden hatte und verließ der Raum.

    Charlie atmete tief durch. Noch mal gut gegangen. Es hatte den Anschein als würde Martin zu Toilette gehen. Das war ihre Changs, jetzt musste alles ganz schnell gehen. Charlie schaute ob sich noch jemand im Eingangsbereich aufhält. Es war weit und breit Keiner zu sehen.

    Sie öffnete die Eingangstür und rannte zum Control Raum. Die Tür war nicht verschlossen und Charlie ging hinein. Peter hatte ihr gezeigt welchen Knopf man drücken muss, wenn man das große Zufahrtstor öffnen  möchte. Charlie drückte den Knopf und konnte auf einem der Monitore sehen wie sich das Tor öffnete.

    Sie verließ den Raum ohne darauf zu achten entdeckt zu werden. Sie rannte aus dem Gebäude, nahm sich Miss. Warners Rad und fuhr so schnell sie konnte quer über den Rassen zum Haupttor das nun offen stand. Am Tor wäre sie fast gestürzt, da sie viel zu schnell war und scharf abbremsen musste. Sie kam gerade noch zum Stehen, bevor sie in einen Wagen der am Waisenhaus vorbeifuhr  gekracht wäre.

    Das war knapp, ich muss echt besser aufpassen. Obwohl, wenn ich einen Unfall hätte würde man mich auch in das Krankenhaus bringen in dem Ben lag. Was für ein blöder Gedanke! Charlie reis dich zusammen du bist doch nicht blöd! Sagte sie zu sich selbst und setzte ihren Weg zum Krankenhaus fort.

    Die Fahrt war anstrengen und sie war völlig außer Atem als sie dort ankam. Der Weg dorthin war doch wesentlich weiter als sie gedacht hatte. Nun stand sie vor dem Surrey Memorial Hospital, einem sechsstöckigem Betongebäude. Bis hierher war sie schon mal gekommen. Jetzt musste sie irgendwie in das Gebäude und Ben finden.

    Charlie stellte das Fahrrad von Miss. Warner in einen der Fahrradständer die sich vor dem Gebäude befanden. Sie musste an etwas denken was Ben ihr einmal gesagt hatte. „Ein Selbstbewusstes Auftreten verschaff einem gewisse Vorteile!“ Und das würde sie jetzt auch tun. Charlie ging die paar Stufen hoch die zum Haupteingang führten. Sie hatte einen festen Plan wie sie zu Ben gelangen konnte.

    Sie betrat den Empfangsbereich und bemühte sie selbstbewusst und sicher aufzutreten. Gradewegs ging sie auf den Informationsschalter zu der sich gleich neben der Eingangstür befand. Mit einen lauten „Hallo!“ sprach sie die Frau die hinter dem Schalter stand an. „Können sie mir sagen auf welchem Zimmer Mr. Stone liegt?“ fragte Charlie vermutlich etwas zu laut, den die sich in der Nähe befindlichen Personen drehten sich zu ihr um.

    „Könnten sie bitte etwas leiser Sprechen, wir sind hier in einem Krankenhaus!“ entgegnete ihr Amalie, zumindest stand dieser Name auf ihrem Namensschild das an der weisen Bluse die sie anhatte befestigt war. „Entschuldigen sie, ich möchte zu meinem Vater, er soll heute Morgen hier eingeliefert worden sein!“ diesmal dämpfte sie ihre Stimmen und machte einen besorgten Gesichtsausdruck.

    Amalie akzeptierte Charlies Entschuldigung und schaute in ihren Computer der vor ihr stand. „Mr. Stone?“ „Ich habe hier einen Ben Stone, ist das ihr Vater?“ fragte sie, und ihr Gesicht zeigte Charlie dass sie etwas Erschreckendes auf ihrem Bildschirm sah. „Wie alt sind Sie?“ fragte Amalie, und ihr zuvor erschreckter Blick wandelte sich in Mitleid. „Wieso fragen sie wie alt ich bin, ich will zu meinem Dad!“ Charlie musste sich sehr zurückhalten um nicht wieder laut zu weder.

    Amalie kam um den Informationsschalter herum und bat Charlie ihr zu folgen. Sie führte Charlie in den Wartebereich des Krankenhauses und sagte ihr, dass sie hier warten solle. Der Wartebereich war um diese Zeit fast leer. Ein Mann und eine Frau saßen auf einer der vielen Bänken die hier aufgestellt waren und die Frau wischte sich immer wieder ihre Tränen vom Gesicht.

    Es dauerte eine ganze Weile bis Amalie in Begleitung eines Arztes wieder zurückkam. Zumindest sah er aus wie ein Arzt, weise Schuhe, weise Hosen, weises T-Shirt und eines ebenfalls weisem Arztkittel. „Dies ist die junge Dame die sich nach Mr. Stone erkundigt hatte!“ erklärte sie dem großgewachsen, wie Charlie fand, gutaussehenden Arzt.

    Der Mann in Weiß reichte Charlie die Hand. „Mein Name ist Dr. Enders ich glaube wir haben miteinander telefoniert Miss. Stone!“ „Ich frage mich nur wie sie es so schnell von New York hierher geschafft haben?“ „Ich habe sie zu einem viel späteren Zeitpunkt erwartet!“

    Charlie reagierte schnell auf die Situation, gab Dr. Enders die Hand und erklärte ihm dass sie sofort nach ihrem Telefonat mit ihrem Privatjet losgeflogen sei. Dr. Enders wunderte sich über die Frau, nein über das junge Mädchen das vor ihm stand. Bei seinem Telefonat dachte er eine etwas reifere Frau am anderen Ende der Leitung zu hören.

    Dr. Enders wusste von der Krankenhausverwaltung, dass die zuständige Mountie-Zentrale sich mit der Familie von Mr. Stone in Verbindung gesetzt hatte. Kurz vor Mittag wurde ihm ein Gespräch einer Tochter von Mr. Stone durchgestellt.

    Nachdem sie ihn nach dem Gesundheitszustand ihres Vaters gefragt hatte teilte sie ihm mit, dass sie sich sofort auf den Weg nach Vancouver machen und am späten Abend  dort eintreffen würde. Der Flug von New York nach Vancouver dauerte normalerweise sechs Stunden.

    Er wunderte sich sehr denn jetzt war es erst kurz nach 6:00 und sie war schon da. Dr. Enders hatte sie eigentlich erst gegen 8:00 Uhr hier erwartet. Vermutlich war sie so früh hier, weil sie einen Privatjet hatte und sich die Flugzeit dadurch verkürzte.

    Charly drängte darauf, endlich zu ihrem Vater zu kommen. Dr. Enders begleitet Sie auf die Intensivstation wo Charlie einen dünnen, grünen, fast durchsichtigen Schutzanzug anziehen und dazu eine Gesichtsmaske, die genauso aussah wie die, die sie während der Corona-Zeit tragen musste. Nur dass diese hier grün war.

    Dr. Enders führte Charlie zu einem großen Glasfenster, durch das man in den dahinterliegenden Raum sehen konnte. Zwischen unzähligen Geräten, Kabeln und Schläuchen lag in einem Krankenhausbett ein Mann.

    War das Ben? Sie konnte ihn nicht erkennen. In seinem Mund steckte ein riesiger Schlauch und in seine Nase führten zwei kleine Schläuche. Auch ein ganzes Bündel an Kabel war an seinem Körper befestigt aber durch die Decke, die über ihm lag, verdeckt. Charlie konnte nur sehen, dass diese zu den Geräten, die um ihn standen, führten.

    „Sie können jetzt zu ihm aber bleiben Sie nicht zu lange!“ „Er braucht absolute Ruhe!“ wies Dr. Enders sie an und verließ die Intensivstation. Charlie öffnete vorsichtig die Tür und betrat den Raum. Sie hörte ein gleichmäßiges Piepsen.

    Das war bestimmt Bens Herzschlag dachte Sie. Charlie nähert sich dem Bett ganz langsam und so leise wie möglich. Am liebsten wäre sie ihm um den Hals gefallen doch die vielen Kabel und Schläuche hinderten sie daran. Charlie legte ihre Hand auf die von Ben.

    Schweigend stand sie da und wünschte sich, dass Ben ihre Hand nehmen und sie drücken würde. Doch Ben rührte sich nicht. Sein Brustkorb hob und senkte sich und das Beatmungsgerät pumpte immer wieder Luft in seinen Körper. Sie ignorierte dieses Pumpgeräusch und hörte nur auf seinen Herzschlag, der durch ein Piepsen angezeigt wurde.

    Ihre Beine fingen an zu schmerzen. Schließlich war sie die ganze Strecke bis hierher mit dem Rad gefahren und hatte sich dabei völlig verausgabt. In einer Ecke neben der Eingangstür sah sie einen Hocker. Sie holte sich diesen, stellte in neben das Bett und setzte sich, so war es besser.

    Nun saß sie hier neben Ben, Müdigkeit überkam sie und sie legte ihren Kopf  auf seine Hand. Es dauerte nicht lange und sie schlief ein. Charlie fing an von der Zeit zu träumen als sie bei Ben Zuhause war. Wie sie vor dem Kamin saßen und Ben ihr die Regeln des Schachspiels beibrachte. Sie konnte die Wärme und das Gefühl der Geborgenheit spüren.

    Ein Räuspern schreckte sie auf. Ihr Herz das zuvor im Einklang mit dem Piepsen war fing an schneller zu schlagen. Charlie richtete sich auf und schaute hinter sich. Zwei Personen, im gleichen komischen Outfit wie sie, standen in der Tür hinter ihr.

    „Oh, entschuldige wenn wir dich erschreckt haben, das wollten wir nicht!“ sagte eine weibliche sanfte Stimme. Charlie musste erst einmal wieder richtig wach werde und realisieren wo sie eigentlich war. Sie bemerkte Dr. Enders der draußen hinter dem großen Glasfenster stand und sie verärgert anschaute.

    Eine der grünen Gestalten verließ den Raum und wechselte ein paar Worte mit Dr. Enders, woraufhin sich dieser entfernte. Währen Charlie dies beobachtete ging die andere Gestalt an ihr vorbei zu Ben und strich im sanft über seine Wange. „Du machst wieder Sachen, musst du uns immer wieder so erschrecken!“

    Charlie drehte sich zu ihr um. Wie kann sie so etwas sagen! Ben liegt hier und kämpft um sein Leben und diese Fremde Person beschwert sich das Ben sie erschreckt hat. „Du musst Charlie sein!“ „Es ist schön, dass du da bist und auf unseren Dad aufgepasst hast!“ mit diesen Worten kam die andere grüne Gestalt wieder ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.

    Ihr Dad dachte Charlie und plötzlich wurde ihr klar, dass diese zwei grüne Gestalten, die Töchter von Ben sein mussten. Dr. Enders hatte erwähnt, dass er mit ihnen telefoniert hatte und sie hat das ausgenutzt um zu Ben zu gelangen.

    „Oh entschuldig!“ „Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt!“ „Also ich bin Anna und der grüne Clown der neben dir steht ist Hanna!“ „He ich bin kein Clown!“ beschwerte sich die grüne Gestalt die Ben gerade das Gesicht streichelte. Charlie lächelte, aber hinter ihrer Maske konnten die beiden es nicht sehen.

    Anna welche die ganze Zeit mit ihr gesprochen hatte ging auf die andere Seite des Bettes und nahm dort Bens freie Hand. „Der Arzt hat uns erlaubt nur ganz kurz zu Paps zu gehen!“ „Er meinte du wärst schon viel zu lange hier und Dad bräuchte seine Ruhe!“ „Und die werden wir im auch lassen!“ „Wir werden Morgen wieder vorbeischauen!“

    „Dr. Enders meinte auch, dass die OP gut verlaufen sei und man die Kugeln aus der Schulter und der Brust ohne große Probleme entfernen konnte. Er gehe davon aus, dass er wieder völlig gesund wird.

    Wenn seine Werte morgen noch genauso gut sind wie jetzt, können sie das Beatmungsgerät abschalten und den Schlauch in seinem Mund entfernen! Wir werden dann, sobald er aufwacht, auch mit ihm reden können!“

    „Und wie beim Letzten Mal wird er uns fragen!“ „Wo krieg ich hier einen guten Kaffee?“ meinte Hanna. Die beiden schauten sich an und beide schüttelten den Kopf. Charlie schaute sie fragenden an. „Wie meint ihr das?“ „Wurde er schon einmal angeschossen?“  „Nein!“ antwortete Anna und erzählte Charlie was vor ca. 12 Jahren mit Ben passiert  war.

    Ben hatte einen Unfall in seiner Firma und lag danach drei Monate im Koma. Sie und Hanna waren damals jeden Tag in der Klinik und haben ihn besucht. Sie beschrieb ihre Angst die sie empfunden hatten und rechneten damit dass ihr Vater nie wieder aufwachen würde.

    Zum Glück wachte er wieder auf und das erste was er sagt ist „Wo krieg ich hier einen guten Kaffee!“ Damals hatte sich die Beiden fest vorgenommen sich nie wieder solchen Ängsten auszusetzen. Wenn irgendetwas Schreckliches passiert werden sie auf einen guten Ausgang hoffen. Den Schmerz den sie damals um ihren Vater empfunden haben wollten sie nie wieder durchstehen müssen.

    „Dr. Enders meinte auch das Dad mehr Glück als Verstand gehabt hätte!“ erklärte Anna Charlie. „So viel Verstand gibt es gar nicht!“ „Bei seinem Glück!“ sagte Hanna. Charlie hatte das Gefühl das die beiden hinter ihren Masken darüber Lachten. Auch sie lächelte über Hannas Bemerkung.

    Charlie erhob sich von ihrem Hocker und ging in Richtung Tür. „Hey wo willst du hin?“ „Warte wir gehen auch gleich!“ „Nur noch verabschieden!“ sagte Hanna schob ihre Maske hoch und gab Ben einen Kuss auf die Stirn. Auch Anna verabschiedete sich, von ihrem Dad, mit einem Kuss auf seine Stirn.

    Beide kamen auf Charlie zu. „Willst du dich nicht von ihm verabschieden?“ fragte Anna sie. Zumindest glaubte Charlie das es Anna war die sie das fragte. Sie zögerte und Hanna gab ihr einen kleinen schups. „Nah mach schon, ich hab einen Bärenhunger und halt es nicht mehr lange ohne etwas zwischen den Zähnen aus!“

    Charlie konnte es nicht fassen, wie locker die Beiden mit ihr, einer völlig fremden Person umgingen. Sie gaben ihr das Gefühl ein Teil ihrer Familie zu sein. Charlie ging zurück zu Ben und gab ihm etwas schüchtern einen schnellen und zaghaften Kuss auf die Stirn so wie es Anna und Hanna zuvor getan hatten. „Nah also geht doch!“ sagte Hanna, öffnete die Tür und verließ den Raum.

    Anna wartete bis Charlie bei ihr draußen auf dem Flur war und schloss die Tür. Nachdem sich alle drei von den hässlichen grünen Anzügen befreit hatten, machten sie sich auf den Weg zum Ausgang.

    Endlich konnte Charlie die Gesichter der beiden Töchter von Ben sehen. Diese waren nicht mehr die kleinen Mädchen die sie auf dem Bild auf Bens Kaminsims gesehen hatte. Hier standen zwei erwachsene schicke Frauen vor ihr.

    Charlie wusste nun auch wer Anna und wer Hanna war. Anna war die etwas größere der Beiden. Sie trug einen hellgrauen Hosenanzug und eine weiße Bluse. Dazu die passenden grauen Pumps. Hanna dagegen trug eine dunkelblaue Jeans und einen weißen weiten Rollkragenpulli. Dazu ebenfalls die passenden weißen Sneakers.

    „Und Charlie, kennst du hier in der Gegend ein nettes Lokal, wo man gut essen kann?“ fragte sie Hanna. Charlie schaute sie erstaunt an. Woher sollte ein 15-jähriges Mädchen aus dem Waisenhaus wissen, wo man hier gut essen kann? Sie schüttelte den Kopf. „Nein, tut mir leid aber ich komme nicht so oft raus um in einem Lokal essen zu gehen!“ Anna lächelte Charlie an. „Macht nichts, wir werden schon was finden!“

    Als die drei am Wartebereich der Klinik vorbei gingen hörte Charlie eine ihr bekannte Stimme. „Ich hab mir schon gedacht, dass ich dich hier finde!“ Charlie drehte sich um. Hinter ihr auf einer der Wartebänke saß Walter in seiner Mountie-Uniform.

    Walter stand auf und ging auf Charlie zu. „Ich schätze, ich muss dich jetzt verhaften, junges Fräulein!“ Auch Anna und Hanna waren stehen geblieben und drehten sich zu dem Mountie der nun vor Charlie stand um. Anna schaute den Mountie verwundert an. „Warum soll Charlie verhaftet werden?“

    Walter betrachtete die beiden jungen Frauen, die hinter Charlie standen. „Ich glaube, das weiß die junge Dame hier ganz genau!“ Charlie machte einen Schritt nach hinten und stieß mit Anna und Hannah zusammen. Charlie mochte Walter sehr aber dass er sie jetzt verhaften wollte, das verstand sie nicht.

    Walter wandte sich an die beiden, ihm unbekannten Frauen. „Zum einem hat sie ein Fahrrad gestohlen!“ „Des Weiteren ist sie aus dem Heim, in dem sie untergebracht war, abgehauen!“ „Und zu guter Letzt hat sie ein Versprechen das sie mir gegeben hatte nicht eingehalten!“ Er warf einen strengen Blick auf Charlie.

    Diese stand mit gesenkten Kopf und schuldbewussten Blick vor Walter. „Ich hätte das Rad wieder zurückgebracht!“ verteidigte sie sich. „Ich bin nur abgehauen weil ich zu Ben wollte und ihr es mir nicht erlaubt habt!“ Und das ich mein Versprechen nicht eingehalten habe tut mir Leid!“

    Anna legte ihre Hand auf Charlies Schulter. „Ich bin froh dass sie das getan hat!“ „So war unser Vater nicht allein bis wir eingetroffen sind!“ „Und dafür sind wir ihr sehr dankbar!“ erklärte sie dem Mountie.

    „Ihr Vater!“ entgegnete Walter. Man konnte die Überraschung in seinem Gesicht sehen. Er stellte sich den beiden vor und äußerte sein Bedauern darüber das sie sich unter diesen Umständen kennengelernt haben.

    „Können wir das Gespräch bitte woanders fortführen, ich hab Hunger!“ meldete sich Hanna zu Wort. „Kennen sie ein Lokal hier in der Nähe wo man gut essen kann?“ „Mein Blutzuckerspiegel ist im Keller, wenn ich nicht bald was zu essen bekomme, kann ich mich gleich zu Dad, auf die Intensivstadion legen!“

    Walter schaute Charlie an und überlegte kurz. „Ja ich kenne da ein Lokal!“ „Ich könnte sie dort absetzen, bevor ich Charlie zurück ins Waisenhaus bringe!“ Walter ging davon aus, dass die beiden mit dem Taxi vom Flughafen hierher ins Krankenhaus gefahren waren.

    „Danke für das Angebot aber wir haben uns am Flughafen einen Wagen gemietet und den möchte ich nicht hier stehen lassen!“ entgegnete ihm Anna. „Aber natürlich, dann folgen Sie mir einfach. Ich fahre den schwarzen Police Truck, der draußen steht!“

    Die Vier gingen nach draußen. Walter lud das Fahrrad von Miss. Warner auf die kleine Pritsche seines Trucks. Anna holte inzwischen das Porsche Cabriolet, das sie am Flughafen gemietet hatte. Walter staunte nicht schlecht, als sie mit dem Wagen hinter seinen Truck  fuhr. Er wusste gar nicht, dass man solch einen Wagen am Flughafen mieten konnte.

    Anna saß entspannt in ihrem Wagen. Die einen Hand am Lenkrad, den linken Arm lässig auf der Fahrertür abgelegt. „Was dagegen, wenn Charlie mit mir fährt?“ fragt sie Walter mit einem Lächeln. Hannah, die bei Walter und Charlie auf Anna gewartet hatte, meldet sich. „Au ja und ich fahre mit dem Polizeiwagen. Ich bin noch nie in einem Polizeiwagen mitgefahren!“ rief sie begeistert.

    Charlie schaute Walter fragend an. Bei dem Blick, den Charlie in diesem Moment drauf hatte, konnte Walter einfach nicht Nein sagen. „In Ordnung, bis zum Lokal. Es ist ja nicht weit!“ Charlie war begeistert, umarmte Walter kurz, um dann bei Anna einzusteigen. Auch Hanna ging auf die Beifahrerseite von Walters Truck. „Können wir nun losfahren?“ fragte sie und stieg ein.

    Die Fahrt zum Lokal dauerte keine fünf Minuten. Charlie hätte sich gewünscht, dass die Fahrt etwas länger gedauert hätte. Sie war noch nie in einem offenen Cabriolet mitgefahren. Es fühlte sich einfach toll an. Der Parkplatz vor dem Lokal war gut gefüllt, doch Anna fand eine Lücke gleich neben dem Eingang. Walter parkte seinen Truck etwas weiter weg.

    Anna und Charlie standen vor dem Eingang des Lokals und warteten darauf, dass Walter und Hanna bei ihnen eintrafen. „Und Sie sind sicher, dass man hier gut essen kann?“ fragte sie Walter als dieser neben ihr stand. Mit einem skeptischen Blick  betrachtete sie das Lokal.

    Anna kam sich vor wie im wilden Westen. Denn das Lokal, vor dem sie standen, war ein richtiger Saloon. So etwas hatte sie bisher nur in den Western gesehen, die sie sich im Fernsehen angeschaut hatte. Über dem Eingang hing ein großes Brett mit der Aufschrift „Peggy’s Saloon“. Auf der überdachten Eingangsveranda, neben der für dieses Gebäude  typischen Schwingtür, stand ein hölzerner Schaukelstuhl.

    „Aber sicher!“ „Hier bekommen Sie die besten Spare Rips, die es hier, in diesem County gibt!“ „Charlie und ich müssen uns leider hier von ihnen verabschieden, denn Charlie muss zurück ins Waisenhaus!“ „Man wartet dort bereits auf sie!“ sagte Walter und legte die Hand auf Charles Schulter.

    Hanna schaute Walter mit einem treuen Hundeblick an. „Ich bitte Sie, sehen Sie nicht, dass sie auch Hunger hat!“ „Und ich bin mir sicher, dass sie im Waisenhaus jetzt um diese Zeit nichts mehr Richtiges zu essen bekommt!“ Walter schaute Charlie an. Auch Charlie machte ein bettelndes Gesicht aber sagte nichts. „Na gut!“ meinte Walter „Aber ich rufe vorher noch im Waisenhaus an und sage denen Bescheid!“ Während Walter draußen telefonierte, gingen Anna, Hanna und Charlie in den Saloon.

    Hier sah es genauso aus wie Anna es sich vorgestellt hatte. Auf der rechten Seite befand sich eine lange Theke mit Barhocker davor. Der häufige gebrauch hatte Spuren an ihnen hinterlassen. Hinter der Theke sah man mehrere Regale mit verschiedenen Flaschen darin. In mitten der Regale befand sich ein großer Spiegel und darüber die Hörner eines Longhorns.

    Mehrere runde Tische mit Lehnstühlen aus Holz standen im Raum verteilt. Auf der anderen Seite des Raumes befand sich eine kleine etwas erhöhte Bühne, auf der ein Cowboy auf einem Barhocker saß und mit seiner Gitarre seinen Country Song begleitete.

    Zu ihrer linken befanden sich mehrere Sitzbänke und Tische die von einer hölzernen Wand voneinander getrennt waren. Der Saloon war gut gefühlt, doch sie fanden noch eine freie Nische. Hanna rutschte auf der  mit rotem Leder bezogenen Bank nach hinten damit Anna sich neben sie setzen konnte. Charlie nahm auf der Bank ihnen gegenüber Platz.

    Die Leute um sie herum Diskutierten über dies und jenes, es wurde Gelacht und Manche sangen laut mit dem Sänger auf der Bühne. Charlie fand das ganze total aufregend und meinte zu Anna und Hanna das einzige was jetzt noch fehlt sei eine Schlägerei oder sogar eine Schießerei! Anna schaute Charlie mit ernstem Gesicht an. „Du wünscht dir hier eine Schießerei nachdem was Dad passiert ist?“

    Charlie versank in der Ecke ihrer Bank auf der sie saß. „Entschuldige bitte!“ „Es tut mir Leid ich hab nicht nachgedacht als ich das sagte!“ Oh man was hat sie sich nur dabei gedacht! Hanna lenkte ein. „He ist schon gut wir wiesen das du das nicht so gemeint hast!“ „Dieses Ambiente verleitet einen geradezu an sowas zu denken!“

    Anna sah wie peinlich Charlie die Bemerkung wegen der Schießerei war und entschuldigte sich bei ihr das sie so schroff reagiert hatte. Sie stimmte Hanna zu das man an solch einem Ort mit so etwas rechnen könnte.

    Eine junge Frau kam an ihren Tisch. Sie trug einen hellbraunen Cowboyhut auf ihrem Kopf und dunkelbraune gelockte Haare quollen darunter hervor. Dazu ein rot weiß kariertes Flanellhemd das sie unter ihren Brüsten verknotet hatte. Die ausgewaschene Jeans mit einem braunen breiten Gürtel mit einer großen kupfernen Gürtelschnalle auf der der Kopf eines Longhorns abgebildet war betonten ihre schlanke Figur. Und ihre hellbraunen Cowboystiefel rundeten das Gesamtbild ab. Ein echtes Cowgirl.

    „Was darf ich euch bringen!“ fragte sie die drei. „Ich hätte gerne ein Sodawasser und die Speisekarte!“ antwortete ihr Anna. Noch bevor das Cowgirl antworten konnte stand Walter neben ihr. „Die Speisekarte brauchen wir nicht!“ „Bring uns nur dreimal Spare Rips mit scharfer Soße, Lara!“ Walter setzte sich auf den freien Platz neben Charlie.

    Anna war empört darüber das Walter ihnen sagte was sie essen sollten. „Wir sind alt genug um unser Essen selbst zu bestehlen!“ Lara überhörte das Gespräch zwischen Walter und Anna und fragte Hanna und Charlie was sie trinken möchten.

    Hanna bestellte sich ein großes Bier vom Fass, schließlich musste sie ja nicht fahren, und Charlie eine Coke, nachdem sie Hanna gefragt hatte ob das ginge. Schließlich hatte Charlie kein Geld.

    Bevor Sara sich auf den weg machte die Getränke zu holen, bestellte Walter für sich noch ein alkoholfreies Bier. Schließlich musste er Charlie auch noch zurück ins Waisenhaus bringen.

    Nach dem Sara ihnen ihre Getränke gebracht hatte dauerte es nicht lange bis sie auch das Essen brachte. Auf einem silbernen Tablet stapelten sich die dunkelbraunen Rippchen übereinander. Anna, Hanna und Charlie staunten über den Berg aus Fleisch und Knochen. Das war alles für sie? Wer soll das alles Essen?

    Sie schauten einander völlig sprachlos an. Hanna unterbrach diese Stille. „Alles meins!“ sagte sie und es klang völlig ernstgemeint. Die drei fingen an herzhaft zu lachen. Walter konnte sich dem Gelächter nicht entziehen und stimmte mit ein.

    Sara die Bedienung brachte noch Teller und Besteck und die scharfe Barbecue Soße dazu. Sie brachte auch drei weiße Plastics Hemdchen damit sie ihre Kleidung nicht beschmutzten. Als endlich jeder seinen Teller und sein Besteck hatte konnten sich Hanna und Charlie nicht mehr bremsen.

    Beide rammten ihre Gabel in dasselbe Stück Fleisch. Sie schauten sich verwundert an und fingen an zu Lachen. „Ihr zwei seit so total kindisch!“ „Könnt ihr nicht in Ruhe essen wie normale Menschen?“ fragte Anna und schüttelte den Kopf.

    Walter dachte sich nur dass dies ein lustiger Abend werden könnte. Und tatsächlich, es wurde ein lustiger Abend. Währen Anna ihre Spare Rips auf ihrem Teller, mit der Präzision eines Chirurgen, Knochen und Fleisch voneinander trennte, nahmen Hanna und Charlie ihres in die Hände und nagten das Fleisch von den Knochen. Die Folge davon war das beide bis über die Ohren mit Fett und Barbecue Soße beschmiert waren.

    Walter musste Charlie sogar ein paarmal auf den Rücken klopfen als diese sich vor lauter Lachen verschluckte. Der Grund dafür war Hanna die einen großen Klecks an Barbecue Soße auf ihrer Nase hatte und nun aussah wie ein Zirkusclown. Selbst Anna hatte vor lauter lachen Tränen in den Augen.

    Nach dem sie mit dem Essen fertig waren gingen Hanna und Charlie auf die Toilette und machten sich sauber. Anna ging zum Tresen und bezahlte die Rechnung, auch das Bier von Walter. Er bedankte sich bei ihr und erklärte ihr das er Charlie nun zurück ins Waisenhaus bringen müsse, da sie dort schon Sehnsüchtig auf Ihre Rückkehr warteten.

    Nachdem sie sich alle voneinander verabschiedet hatten fuhren Anna und Hanna in ihr Hotel und Walter und Charlie machten sich auf den Weg zurück ins Heim. Walter betrachtete Charlie von der Seite. Sie sah glücklich aus. Trotz des tragischen Ereignisses hatte sie einen der schönsten Tage ihres noch so jungen Lebens gehabt. Sie hatte Bens Töchter kennengelernt und die waren genauso nett wie Ben. Doch das aller schönste für sie war, sie haben sie behandelt als wäre sie ihre kleine Schwester.

    8.Hilflos?

    Es waren erst zwei Wochen vergangen das man Ben angeschossen hatte. Seine Wunden an Schulter und Brust waren noch nicht richtig verheilt doch er hielt es hier im Krankenhaus einfach nicht mehr aus. Er wollte wieder nach Hause in sein eigenes Bett.

    Dr. Enders hatte ihm erklärt dass er aufpassen musste dass die Wunden nicht wieder aufreißen. Das bedeutete für ihn absolute Ruhe und keinerlei Anstrengung.

    Anna und Hanna hatten dafür gesorgt dass eine Pflegekraft sich um ihn kümmert, sobald er wieder Zuhause ist. Sie hätten sich gerne selbst um ihn gekümmert doch sie mussten wieder zurück und sich um ihre Geschäfte kümmern.

    Die beiden brachten ihn schließlich, trotz ihrer Bedenken, zurück in sein Haus. Wo die, von seinen Töchtern organisierte Pflegekraft auf sie wartete. Anna hatte ihr bereits das Haus gezeigt und ihr einen Schlüssel dafür gegeben.

    Janin war eine 35 jährige, alleinerziehende Mutter, die nur zehn Minuten von Bens Haus entfernt mit ihrer Tochter lebte. Sie war überglücklich als der Sozialdient sie an Mr.Stone vermittelte. Janin lebte mit ihrer achtjährigen Tochter, in einer kleinen drei Zimmerwohnung den mehr konnte sie sich nicht leisten.

    Da sie keinen Unterhalt vom Vater ihrer Tochter erhielt waren ihre Finanziellen Möglichkeiten begrenzt. Ach die Bezahlung als Pflegekraft war nicht gerade berauschend. Aber als gelernte Krankenschwester war es ihr, bei den Schichtdiensten im Krankenhaus, nicht möglich sich um ihre Tochter ausreichend zu kümmern. Aus diesem Grund wechselte sie in den Pflegedienst.

    Hier konnte sie Maja, so hieß ihre Tochter, morgens zur Schule bringen und wieder abholen. Den Nachmittag verbrachte Maja dann bei einer Tagesmutter die auch in dem Mietshaus wohnte wie sie. Nur so konnte sie sich um ihre Tochter kümmern und die Bezahlung reichte für das nötigste.

    Sie bekam den Auftrag sich um Mr. Stone zu kümmern, auch nur weil sie ganz in der Nähe wohnte und keinen langen Anfahrtsweg hatte. Einige ihrer Kolleginnen, die wussten wer dieser Mr. Stone war, hätten alles dafür gegeben um diesen Auftrag zu bekommen. Schließlich war Ben ein geschiedener, allein lebender und vor allem ein reicher Mann.

    Janin wusste nichts davon. Als Anna ihr das große Haus zeigte und ihr erklärte, dass ihr Vater hier alleine lebte war sie darüber sehr überrascht. Sie wusste nun auch, dass ihr Pflegefall reich war, aber das kümmerte sie nicht. Sie würde für ihn sorgen sowie für jeden anderen den sie betreut hatte.

    Nachdem Anna, Janin und Ben miteinander bekannt gemacht hatte, gingen sie gemeinsam ins Haus. Hanna lief sofort in die Küche und schaute in den Kühlschank. Anna schaute sie vom Wohnzimmer aus fassungslos  an. „Du kannst doch nicht schon wieder Hunger haben, wir haben doch eben erst ausgiebig gefrühstückt!“ „Und wenn schon das ist jetzt schon über zwei Stunden her!“ antwortet Hanna.

    Hanna war ein Mensch, der so viel essen konnte wie er mochte, sie nahm einfach nicht zu. Sie war nicht gerade schlank, doch auch nicht dick. Ihre Körpergröße und ihr Gewicht passten perfekt zu ihrem sportlichen und durchtrainierten Körper.

    Anna setzte sich mit Janin an den Esstisch und gab ihr die Medikamente die ihr Dr. Enders mitgegeben hatte. Sie gab ihr auch eine Liste auf der Vermerkt war wie und wann ihr Vater diese einnehmen sollte. Sie sagte Janin auch dass sie sich von ihrem Vater nichts vorschreiben lassen sollte.

    Sie allein sagt was Sache ist und das hat ihr Vater zu akzeptieren und wenn nicht solle sie, sie sofort darüber informieren. Sie würde dafür sorgen, dass er dann auf der Stelle wieder ins Krankenhaus gebracht würde.

    Ben war mittlerweile in der Küche und versuchte sich einen Kaffee zu machen. Es stellte sich als äußerst schwierig heraus den Kaffeefilter mit nur einer Hand aus seiner Verpackung zu holen und in den dafür vorgesehenen Behälter an der Kaffeemaschine zu befördern.

    Seinen linken Arm konnte er leider nicht benutzen da dieser in einer festen Armschiene und einer Schlinge um seinen Hals, vor seinem Bauch befestigt war. Jedes Mal wenn er versuchte den Arm dennoch einzusetzen durchfuhr ihn ein stechender Schmerz.

    Hanna stand hinter ihm und beobachtet die Versuche ihres Vaters. Ihr schien es zu gefallen wie er so hilflos agierte. Ben drehte sich um und sah wie Hanna ein breites Grinsen im Gesicht hatte. „Du könntest mir auch dabei behilflich sein, anstatt nur dazustehen und dich über mich zu amüsieren!“

    Hanna behielt das Grinsen bei und erklärte ihrem Vater, dass Dr. Enders im den übermäßigen Genus von Koffein verboten hatte. Außerdem sind Alkohol und Tabak absolut tabu solange er Medikamente einnehmen muss.

    Ben schaute an die Küchendecke. „Ich habe zwei Kugeln überlebt aber was ihr jetzt von mir verlangt bringt mich um!“ Hanna nahm ihren Vater in die Arme und drückte ihn. Auch wenn es für ihn sehr schmerzhaft war sagte er nichts. Er legte seinen gesunden Arm um ihre Hüfte und drückte auch sie. „Ich hab euch lieb!“ flüstert er ihr unter Schmerzen ins Ohr.

    Anna und Hanna verabschiedeten sich von Ben und befallen ihm auf seine Pflegerin zu hören sonst würde er mächtigen Ärger mit ihnen bekommen. Die Beiden setzten sich in ihren Mietwagen und machten sich auf den Weg zum Flughafen auf der anderen Seite der Stadt. Ihr Privatjet wartete dort bereits auf sie.

    Janin bereitete das Mittagessen vor und machte Ben ausnahmsweise einen Kaffee. Für Ben war dieser viel zu dünn, doch er verkneif es sich darüber zu Beschweren. Womöglich hätte sie ihm dann keinen mehr gemacht. Nachdem sie zu Mittag gegessen hatten machte sich Janin auf den Weg um ihre Tochter von der Schule abzuholen. Sie brachte sie dann zu ihrer Tagesmutter und erledigt danach die Einkäufe für sich und Ben.

    Gegen zwei Uhr klingelte Bens Smartphone und er wusste das es Charlie war die ihn anrief. Die Beiden telefonierten jeden Tag um dieselbe Zeit miteinander. Charlie erzählte ihm dass sie endlich die zwei Wochen Strafarbeit hinter sich gebracht hatte, zu der man sie wegen ihres Ausflug zu Ben Verurteilte. Sie musste in diesen zwei Wochen beim saubermachen des Speisesaals und der Küche mithelfen.

    Ben tat es leid, dass er sie dadurch in Schwierigkeiten gebracht hatte, und versprach ihr es wieder gutzumachen. Charlie erzählte ihm auch, dass sie jetzt auch nicht mehr mit ihren Internetfreundinnen Verbindung aufnehmen konnte.

    Man hatte ihr verboten sich im Überwachungsraum bei Peter aufzuhalten. Und ohne dessen Laptop hatte sie keine Möglichkeit mit ihnen in Kontakt zu treten. Die Computer  im Computerraum der Schule wurden überwacht und der Zugang zu den sozialen Medien war gesperrt. Selbst das von Peter eingerichtete E-Mail Konto konnte sie von dort aus nicht aufgerufen.

    Ben wusste überhaupt nicht dass Charlie Internetfreunde hatte. Sie hatten noch nie miteinander darüber Gesprochen. Ben wusste von den gefahren die im Internet lauerten und hatte Angst das Charlie vielleicht mit den falschen Leuten in Kontakt stand. Er wusste was er tun konnte um sicherzustellen, dass Charlie nicht in Gefahr war.

    Janin kümmerte sich nun schon seit einem Monat um Bens Haushalt. Es machte ihr Spaß hier zu Arbeiten. Ben war ein folgsamer Pflegefall. Er tat alles was sie ihm sagte. Selbst die Übungen die ihr der Physiotherapeut der einmal die Woche vorbeikam ihr gezeigt hatte und die sie jeden Tag mit ihm machte.

    Es war an einem Montagmorgen, Janin räumte gerade das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine als das Wandtelefon in der Küche klingelte. Janin nahm den Hörer ab und meldete sich. „Hier bei Stone, Harper am Apparat!“ Am anderen Ende der Leitung war die Leiterin der Schule in die „Maja“ ihre Tochter ging. „Mrs. Harper, gut das ich sie erreiche!“ „Ihre Tochter hatte einen kleinen Unfall!“ „Wir mussten sie ins Krankenhaus bringen!“ „Wir vermuten, dass sie sich den Arm gebrochen hat!“ „Sie ist jetzt im Horseshoe Bay Medical!“

    Janin legte sofort auf und holte ihre Jacke. Bevor sie das Haus verließ rief sie Ben noch zu, dass sie ganz dringend weg müsste und sie nicht wisse wann sie wieder kommt.

    Ben war bereits oben in seinem Zimmer und saß an seinem Computer. Er verstand nur so viel das Janin dringend irgendwo hin musste. Was für ihn bedeutete dass er heute seine Bewegungsübungen nicht zu machen brauchte.

    Als Janin nicht erschien um das Mittagsessen vorzubereiten machte er sich sorgen. Sie hatte zwar gesagt dass sie dringen weg musste, doch Ben hatte damit gerechnet dass sie gegen Mittag wieder da sein würde. Ben kannte Janin nun schon einen Monat und wusste dass sie immer pünktlich und zuverlässig ihre Arbeit machte. Es musste irgendetwas geschehen sein das sie von ihrer Arbeit abhielt.

    Draußen wurde es schon dunkel und Janin war immer noch nicht zurückgekommen. Jetzt machte sich Ben richtig Sorgen um sie. Sie war eine erwachsene Frau und sie konnte bestimmt gut auf sich selbst aufpassen. Aber das sie sich in der Zwischenzeit nicht bei ihm gemeldet hatte bereitete ihn doch Sorge.

    Ben nahm sein Smartphone und wählte die Nummer der Sozialstadion bei der Janin beschäftigt war. Die Telefonistin die er am Apparat hatte teilte ihm mit das Janin im Krankenhaus sei da ihre Tochter einen Unfall in der Schule gehabt hätte. Sie teilte Ben auch mit das sie bereits eine Ersatzpflegekraft für ihn organisiert hatten. Ben lehnte dieses Angebot strikt ab. Er wollte keine neue Pflegekraft in seinem Haus.

    Ben beendete das Gespräch und überlegte was er nun tun sollte. Hier in der Nähe gab es nur ein Krankenhaus in das man die Kleine gebracht haben könnte. Das Horseshoe Bay Medical, es befand sich ungefähr eine halbe Stunde entfernt wenn man über den Horseshoe Bay Dr. in die Stadt fuhr.

    Aber wie sollte er dorthin kommen? Mit seiner verletzten Schulter konnte er nicht fahren und es war schon spät! Ben schaute auf sein Smartphone und überlegte wenn er anrufen könnte. Na klar! Anton! Der Wohnte nicht weit weg und er hatte sich angeboten zu helfen wen Ben etwas brauchte. Und Ben brauchte jetzt dringen einen Fahrer!

    Ben hatte Anton über seine Situation informiert und dieser stand zwanzig Minuten später mit seinem alten klapprigen VW Käfer vor Bens Tür. Ben wartete bereits auf der Terrasse auf ihn. Anton befreite sich aus der für ihn viel zu kleinen Kiste. Mit seinen 120 kg war dieser Wagen eigentlich viel zu klein und viel zu schwach für seinen wuchtigen Körper. Doch Anton liebte diesen kleinen Käfer der mittlerweile schon ein Oldtimer war.

    „Hallo Ben!“ „Los Steig ein!“ rief im Anton zu. „Das ist jetzt nicht dein Ernst?“ antwortete im Ben und faste sich mit seiner gesunden Hand an den Kopf. „Du erwartest doch nicht, dass wir beide da einsteigen und dein Wagen die Fahrt zum Krankenhaus überlebt!“ Anton schaute seinen Käfer mitleidsvoll an.

    „Weißt du was!“ sagte Ben. „Wir nehmen meinen Wagen!“ „Ich hol meine Schlüssel und du parkst deinen Käfer neben den Holzschuppen!“ Anton war begeistert! Er wollte schon lang einmal mit Bens neuem Truck fahren. Warum Ben ihn sich vor einem halben Jahr gekauft hatte wusste er selbst nicht so genau. Er hätte auch seinen, alte Truck wieder auf Vordermann bringen können.

    Anton fuhr den großen schwarzen Ford aus der Garage. Wie viel Platz er plötzlich hatte, ganz anders als in seinem engen Käfer, aber er würde diesen kleinen, süßen Wagen niemals hergeben. Ben stieg auf der Beifahrerseite ein und die Fahrt ins Krankenaus konnte losgehen.

    Im Krankenhaus angekommen informierte er sich, wo er Miss. Harper und ihre Tochter finden könnte. Zuerst wollte man ihm keine Auskunft geben. Erst als Anton sich einmischte bekam Ben die gewünschte Information. Man kannte Anton hier im Krankenhaus, denn er spielte hier jedes Jahr den Weihnachtsmann, und alle liebten ihn dafür.

    Anton brachte dann nicht nur Geschenke für die hier im Krankenhaus liegenden Kinder und Erwachsenen. Er brachte auch kleine Anerkennungen für die Angestellten des Krankenhauses. Der Krankenhausbetreiber bedankte sich damit für die Bereitschaft seiner Mitarbeit an den Feiertagen zu Arbeiten.

    Nachdem Ben das Krankenzimmer gefunden hatte öffnete er leise die Tür. Janin saß auf einem Stuhl neben dem Krankenbett und hielt Mayas Hand. Maya war etwas blas im Gesicht und ihr rechter Arm steckte in einem strahlend weißen Gipsverband. Maya schaute auf als Ben in der Türe stand. Janin bemerkte ihren Blick zur Tür und drehte sich um. „Mr. Stone!“ „Was machen sie den hier?“ fragte sie Ben, vollkommen überrascht von seinem erscheinen.

    „Na ja!“ „Nachdem sie sich nicht mehr gemeldet haben wollte ich mal nachsehen wies ihnen geht!“ sagte Ben und betrat das Zimmer. Maya betrachtete den alten ihr fremden Mann. Sie wusste zwar, dass sich ihre Mutter um kranke Leute kümmert, aber noch nie hatte einer von denen sie aufgesucht und gefragt wie es ihnen geht.

    Ben ging zu Maya ans Bett und stellte sich vor. „Hallo kleines Fräulein ich bin Ben und deine Mutter kümmert sich um mich!“ „ Aber das kann ich jetzt wohl vergessen, da sie sich jetzt um dich kümmern muss!“

    Janin schaute Ben etwas betroffen an. „Tut mir leid Mr. Stone, dass ich mich nicht bei ihnen gemeldet habe!“ „Ich habe bereits mit meiner Chefin telefoniert und man wird ihnen Morgen eine andere Pflegekraft schicken!“

    „Kommt gar nicht in Frage!“ „Auch ich habe mit ihrem Pflegedienst telefoniert und nachdem diese mir mitgeteilt haben wo ich sie find habe ich ihnen klargemacht, dass ich keine andere Pflegekraft benötige.

    Ben erkundigte sich wie schlimm der Bruch des Armes von Maya sei. Janin erklärte ihm dass es ein glatter Bruch sei und in ihrem alter wieder gut verheilen würde. Man behalte Maya nur über Nacht hier um eine Gehirnerschütterung auszuschließen. Schließlich war sie von einem Klettergerüst gefallen.

    Ben schaute Maya an und runzelte die Stirn. „Hast du ein Glück!“ „Du hast wenigsten ein Gehirn!“ „Wenn mir so etwas passierte, meinten die Ärzte immer nur!“

    „Gehirnerschütterung hat der keine!“ „Denn wo nichts ist kann man nichts erschüttern!“

    Maya krümmte sich auf ihrem Bett vor Lachen. Sie hatte den Scherz, den Ben gemacht hatte, sofort verstanden. Janin schaute erst etwas ernst auf Ben doch dann huschte auch ihr ein Lächeln über das Gesicht.

    Ben machte Janin einen Vorschlag. Sie und Maya konnten so lange bei Ben wohnen bis Maya wieder gesund sei! So hätte Janin die Möglichkeit sich um ihre Tochter und auch gleichzeitig um ihn zu kümmern. Janin war nicht gerade begeistert von diesem Vorschlag. Ben war zwar sehr nett und entgegenkommend doch bei einem ihrer Pflegefälle einzuziehen das gefiel ihr nicht so ganz.

    Ben setzte all seine Überredungskunst ein um Janin von dieser, für ihn, praktischen Lösung der Situation, zu überzeugen. Er hatte ein großes Haus, die meisten Zimmer standen leer und sie wäre eh jeden Tag bei ihm.

    Schließlich gab Janin nach und stimmte unter Vorbehalt Bens Vorschlag zu. Sie würde, sobald Maya das Krankenhaus verlasen dürfe, ein paar Sachen aus ihrer Wohnung holen und dann zu Ben kommen.

    Es war ein sonniger Morgen und Ben stand, mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf seiner Terrasse. Anton hatte ihm geholfen, die Kaffeemaschine zu befüllen, und heute Morgen brauchte er sie nur noch einzuschalten.

    Er hatte Anton seinen Truck überlassen, da er selbst die nächste Zeit nicht fahren konnte, und Anton freute sich wie ein Schneekönig darüber. Antons geliebter Käfer stand nun in Bens Garage. Auch wenn man sehen konnte, dass es Anton sichtlich schwer fiel ihn hier zu lassen.

    Ben hatte schon früher am Morgen eine Firma angerufen, die sein altes Arbeitszimmer in ein Schlafzimmer umwandeln sollten. Das Zimmer lag unten, hinter dem großen Bad, gegenüber dem Zugang zu seinem Weinkeller.

    Das Zimmer besaß eine Glasfront mit einer Schiebetür, durch die man hinaus in den großen Ziergarten mit dem kleinen natürlich angelegten Swimmingpool gehen konnte. Er hatte es schon seit einer Ewigkeit nicht mehr benutzt. Ben genügte der Computer, der oben in seinem Wohn- und Schlafzimmer, stand.

    Ben hatte die halbe Nacht damit verbracht, ein passendes Schlafzimmer zu finden. Er durchforstete unzählige Internetseiten, die Schlafzimmer Möbel anboten. Er war auf der Suche nach einer modernen aber doch zum Stil des Hauses passenden Ausstattung. Es war bereits 3 Uhr morgens, als er endlich etwas, seiner Ansicht nach, passendes gefunden hatte.

    Ben sendete der Herstellerfirma eine E-Mail, in der er seine Wünsche darlegt und um eine schnelle Antwort ein. Als Ben an diesem Morgen seine E-Mails abrief, hatte er schon eine Antwort der Herstellerfirma in seinem Postfach.

    In dieser Mail teilte der Hersteller ihm mit, dass es in Vancouver eine Montagefirma gab, die seine Möbel auf Lager hatte. Ben setzte sich mit dieser Firma sofort in Verbindung. Es stellte sich als äußerst schwierig heraus, Den Mitarbeiter, den er am Telefon hatte, klar zu machen, dass er die bestellten Möbel heute noch benötigte.

    Der Mann am anderen Ende der Leitung erklärte Ben, dass so etwas in so kurzer Zeit nicht möglich sei. Ben war es zuwider, seinen Reichtum für das Erreichen eines Ziels einzusetzen. Doch dies war ein Notfall. Schließlich brauchte er jemanden vor Ort, der sich um ihn kümmerte und dem er vertraute.

    Ben bot dem Mann am Telefon eine kräftige Prämie an, wenn sie es schaffen würden, bis heute Abend das Schlafzimmer einzurichten. Der Mann, den Ben am Telefon hatte, zögerte, doch dann willigte er ein. Die Prämie, die Ben ihm geboten hatte, war viel zu hoch, um sie abzulehnen.

    9.Einzug

    Es war schon Mittag und die Sonne stand hoch am Himmel. Die Montagefirma, die Ben mit der Einrichtung des Schlafzimmers beauftragt hatte, war immer noch nicht eingetroffen. Ben stand in seiner Küche und hörte, wie ein Wagen vor den Eingang fuhr.

    Es waren Janin und Maya, die eingetroffenen waren. Als Ben zur Eingangstür kam, hatten die beiden schon ihre Koffer aus dem Wagen geholt und auf der Eingangsterrasse abgestellt.

    Maya versteckte sich hinter ihrer Mutter. „Da seid ihr beiden ja. Ich habe früher mit euch gerechnet!“ sagte Ben, und ging einen Schritt zur Seite, damit die beiden ins Haus kommen konnten. Janin nahm die beiden Koffer und stellte sie neben der Garderobe im Eingang ab.

    Maya trug ihren, mit Herzchen, Blumen und Unterschriften bunt bemalten  Gips, in einer Schlaufe vor ihrem Körper und folgte ihrer Mutter. „Ich werde uns erst einmal was zu essen machen, es ist ja schon Mittag!” sagte Janin und ging in die Küche. Maya blieb immer dicht hinter ihr. Ben setzte sich auf einen Hocker an den Küchentresen und schaute Janin zu.

    Sie erzählte ihm, dass sie noch in der Schule vorbeigefahren wären, um dort Bescheid zu sagen, dass Maya diese Woche nicht zur Schule kommen würde. Aber nächste Woche wäre sie wieder bereit, auch wenn sie nicht mitschreiben konnte, so könnte sie doch wenigstens am Unterricht teilnehmen.

    Man konnte Maya ansehen, dass sie davon gar nicht begeistert war. Mit ihrem gebrochenen Arm hatte sie die Hoffnung, mehr Zeit mit ihrer Mutter verbringen zu können. Aber eine Woche war ihr zu wenig. Ben bemerkte, dass Maya ihn die ganze Zeit anschaute.

    „Na du, wie Wär’s?“ „Wollen wir uns mal das Haus anschauen?“ fragte Ben Maya und erhob sich von seinem Hocker. Fragend schaut diese ihre Mutter an. „Das ist eine gute Idee!“ meinte Janin. „Das Haus ist ziemlich groß und du solltest wissen, wo alles ist, bevor du dich hier noch verläufst!“ „So könnt ihr euch auch die Zeit vertreiben bis das Essen fertig ist!“ Zögernd folgte Maya Ben, als dieser sich in Bewegung setzte.

    Er zeigte ihr als Erstes sein altes Büro, das gegenüber einer Kellertreppe lag. Im Raum befanden sich zwei große Aktenschränke, Ein Schreibtisch und eine große Pinnwand. Durch eine große Glasfront mit einer gläsernen Schiebentür konnte man hinaus in einen Garten schauen. Ben erklärte Maya, dass er früher hier gearbeitet hätte, aber diesen Raum schon seit langem nicht mehr nutzte.

    Als Nächstes zeigte Ben ihr das riesige Bad, das nebenan lag. Das Bad war größer als das Schlafzimmer, das sie in ihrer Dreizimmerwohnung hatten. Allein in der Dusche hätten fünf Erwachsene Platz gefunden. Der Dusche gegenüber befand sich ein kreisrunder Whirlpool. Sie hätte darin sogar schwimmen können, so groß war der.

    Dann war da noch eine große Kommode, in die zwei Waschbecken eingelassen waren. Darüber befand sich ein Spiegel, der den halben Raum einnahm. Die Toilette, die sich neben der Eingangstür befand war durch eine Trennwand vom übrigen Raum abgetrennt. Auch dieser Raum hatte eine große Glasfront mit Schiebetüren, durch die man auf den Garten hinaussehen konnte.

    Ben erklärte Maya, dass das Glas in den Fenstern und in den Türen nur von dieser Seite durchsichtig war. Von draußen würde man nur auf einen großen Spiegel schauen. Ein so großes Bad hatte sie noch nie gesehen.

    Da Maja die Küche schon gesehen hatte, setzte er seine Führung im Wohn- und Esszimmer fort. Maya musste ihren Kopf ganz in den Nacken legen, damit sie überhaupt an die Decke sehen konnte. Man konnte bis rauf an die Dachbalken schauen. Das Wohnzimmer mit seinem offenen Kamin und die große Couch davor sahen recht gemütlich aus. Genauso gemütlich sah auch die Essecke aus, mit ihrer um die Ecke gehenden Sitzbank, davor ein hölzerner massiver Esstisch und hölzerne Stühle dazu.

    Auch hier gab es eine Glasfront mit Schiebetüren. Maja konnte nun, den Garten, nein den kleinen Park, mit dem kleinen See in der Mitte besser sehe. Janin deckte den Esstisch und sagte den beiden, dass sie sich hinsetzen sollten. Das Essen wäre fertig.

    Es gab Spaghetti Bolognese und Janine musste Bens und Majas Essen kleinschneiden, damit sie es mit einer Hand, und einem großen Löffel essen konnten. Maya amüsierte sich darüber, dass auch Ben sein Essen kleingeschnitten bekam.

    Das Geräusch eines sich nähernden Trucks erregte Bens Aufmerksamkeit. Das konnten nur die Monteure sein, die seine neuen Möbel brachten. Er stand vom Esstisch auf und ging zur Eingangstür. Ein großer Möbelwagen stand vor seinem Haus. Ben begrüßte die beiden Männer, die in ihren hellbraunen Latzhosen und ihren auch hellbraunen Arbeitsjacken aus ihrem Truck stiegen.

    „Mahlzeit Jungs!“ „Ich hatte früher mit euch gerechnet!“ sagte Ben und gab beiden die Hand. „Ich zeig euch erstmal den Raum um den es geht. Janin und Maya saßen noch am Esstisch als Ben mit, den beiden Männer vorbei ging. Maya drehte sich neugierig um.

    Ben führte die beiden in sein altes Arbeitszimmer und erklärte ihnen dass sie die sie die alten Möbel abbauen und entsorgen sollen. Die in den Aktenschränken befindlichen Akten sollten sie in Kartons verpacken und in der Bibliothek am Eingang abstellen.

    Die beiden Monteure wussten bereits Bescheid was auf sie zukommt. Ihr Boss hatte ihnen Bens Wünsche bereits mitgeteilt und einige Kartons für die Akten mitgegeben. Die beiden gingen sofort an die Arbeit. Ben setzte sich wieder zu Maya und Janin und aß weiter.

    Janin schaute Ben fragend an. „Haben sie vor ihr Haus umzubauen?“ fragte sie nach einem kurzen Blick auf die beiden Männer. Ben hatte sich gerade einen großen Löffel mit Spaghetti Bolognese in den Mund geschoben und konnte deshalb nicht gleich antworten. Während dessen holten die beiden Monteure leere Kartons aus ihrem Truck.

    „Nein! Umbauen kann man das nicht nennen! Ich würde eher Verändern sagen!“ „Ich dachte mir, da ich das Arbeitszimmer eh nicht mehr nutze, kann ich es zu einem Schlafzimmer für dich umgestalten!“ Janin erschrak. „Sie wollen was?“ „Ein Schlafzimmer für mich einrichten!“ „Aber warum?“ „Hier gibt es doch schon zwei Gästezimmer, die genügen doch!“ „Wir beide werden doch nur für ein paar Tage hier bleiben!“ „Nächste Woche geht Maya wieder zur Schule und wir gehen zurück in unsere Wohnung!“

    Ben aß in aller Ruhe weiter, während Janin immer noch auf ihn einredete. Sie hielt den Aufwand den Ben betrieb für völlig übertrieben. Das ganze seien nur unnötige Ausgaben, die er sich hätte sparen können. Wegen ein paar Nächten gleich ein neues Schlafzimmer zu bestellen war absoluter Blödsinn.

    So aufgeregt hatte Maya ihre Mutter schon lange nicht mehr erlebt und sie beschloss lieber keinen Kommentar dazu abzugeben. Nachdem sie gegessen hatten, räumte Janin den Esstisch ab und trug alles wortlos in die Küche. Ben schaute Maya verständnislos an, zuckte kurz mit den Schultern und begab sich dann zu den Monteuren in sein altes Arbeitszimmer.

    Maya verstand nicht, was da gerade passiert war, und überlegte, was sie nun tun sollte. Am besten setzte sie ihren Rundgang durchs Haus weiter fort. Ben hatte irgendetwas von einer Bibliothek gesagt und sie folgte einem der Monteure, der einen großen Karton gerade aus Bens altem Arbeitszimmer heraustrug.

    Der Raum, in den der Mann den großen Karton trug, lag gleich neben der Eingangstür. Sie staunte nicht schlecht, als sie den Raum betrat. An allen Wänden standen Bücherregale, die bis zur Decke reichten. Nur die Tür und das große Mosaikfenster waren davon befreit. Ein großer und bequem aussehender Lehnstuhl stand vor dem Fenster. In der Mitte des Raums stand ein runder hölzerner Tisch und gepolstert Stühle darum. Außer in der Bibliothek in der Schule, oder im Buchladen in der Stadt, hatte sie noch nie so viele Bücher an einem Ort gesehen.

    Sie fragte sich, was es hier wohl noch alles zu entdecken gab. Gegenüber der Bibliothek gab es noch eine Tür und sie fragte sich, was sich dahinter verbarg. Als sie diese Tür öffnete, verschlug es ihr die Sprache. Das gibt es doch nicht. Der alte Mann hat in seinem Haus sein eigenes Kino.

    Sie schaute auf eine riesige weiße Leinwand. Der Boden fiel schräg nach unten ab. Und die Stühle sahen genauso aus wie in einem richtigen Kino, mit ihren Klappsitzen und gepolsterten Armlehnen mit Löchern, damit man seine Getränke abstellen konnte. Dieses Haus war der absolute Wahnsinn.

    Maya rannte in die Küche, um ihre Entdeckung, ihrer Mutter mitzuteilen. Janin, die gerade das schmutzige Geschirr im Spülbecken reinigte, war davon nicht sehr überrascht. Schließlich arbeite sie schon fast zwei Monate hier bei Ben. Sie schaute Maya an und lächelte. „Ich weiß mein Schatz!“ antwortete sie und spülte weiter das Geschirr.

    Maja überlegte: Wo war sie noch nicht? Genau, dachte sie. Oben, da sind noch Zimmer, die sie noch nicht gesehen hat. Als Maya die Wendeltreppe gleich neben der Küche hochgehen wollte, stoppte sie ihre Mutter. „Halt, Maya, da gehst du nicht hoch. Das ist Mr. Stones privater Bereich!“ „Du kannst dir die Zimmer auf der anderen Seite anschauen!“

    Maya folgte der Anweisung ihrer Mutter und begab sich auf die andere Empore, an der zwei Zimmertüren zu sehen waren. Als sie die erste Tür öffnete, sah sie ein Zimmer mit dunkelbraunen Möbeln und einem Bett, das grün überzogen war. Grün war nicht gerade ihre Farbe, also ging sie in das zweite Zimmer nebenan.

    Hier sah alles genauso aus wie im ersten Zimmer, nur dass irgendwie alles seitenverkehrt war. Die Möbel, die hier standen, waren aber nicht dunkel sondern hellbraun und das Bett war strahlend weiß überzogen.

    Auf der Frisierkommode rechts neben ihr saßen drei Puppen mit Porzellanköpfen. Sie trugen irgendwie altmodische Kleidung. Sahen aber recht hübsch aus. Neben der Balkontür unter dem daneben liegenden Fenster stand ein Schreibtisch. Auf dem Schreibtisch stand ein Porzellanschwan, aus dessen Rücken bunte Farbstifte hervorschauten. Dieses Zimmer gefiel ihr wesentlich besser. Hier würde sie gerne schlafen.

    Jetzt hatte sie fast alles gesehen. Es fehlte nur noch der Keller. Als sie die Wendeltreppe nach unten ging, trugen die Monteure gerade einen schweren Aktenschrank aus dem Haus. Ben stand in der Küche und redete mit ihrer Mutter.

    Maya gesellte sich zu ihnen und hörte, wie Ihre Mutter Ben vorschlug, dass die Monteure eine kleine Pause einlegen sollten, damit sie den Raum einmal kurz durchwischen könnte, bevor sie darin die neuen Möbel aufbauen würden. Sie hätte auch schon ein paar belegte Brote für die Männer zubereitet.

    Ben gab den beiden Männern Bescheid und setzte sich mit ihnen draußen auf die Terrasse. Janin schnappt sich einen schon bereitgestellten Putzeimer und einen Mob, um den Raum zu säubern. Sie konnte immer noch nicht verstehen, warum Ben das getan hatte, aber schließlich war es ja sein Geld, das er hier ausgab.

    Es war spät am Nachmittag als die Monteure mit ihrer Arbeit fertig waren. Ben verabschiedete sich an der Eingangstür. Er war sehr zufrieden mit ihrer Leistung und bedankte sich bei ihnen mit einem gehörigen Trinkgeld. Janin konnte dies an ihren strahlenden Gesichter sehen als die beiden gingen. Sie schaute sich das neue Schlafzimmer an und irgendwie gefiel es ihr auch. Das einzig was ihr nicht gefiel war das Ben es extra für sie eingerichtet hatte.

    Beim Abendessen saßen Janin und Ben schweigend am Tisch. Maya schaut abwechselnd die beiden an. So schweigsam hatte sie ihre Mutter noch nie erlebt. Sie hielt diese Stille nicht mehr aus. „Also ich finde das neue Schlafzimmer toll!“ „Da kann man sogar raus in den Garten. Das Bett hat eine tolle Federung, fast wie ein Trampolin und in den Sessel am Fenster kann man sich ganz toll einkuscheln!“

    Janin und Ben schauten erstaunt auf Maya. „Findest du?“ frage Ben. „Ich hab gar nicht gesehen, dass du es dir schon darin gemütlich gemacht hast!“ sagte Janin erstaunt. „Na ja! Gemütlich gemacht hab ich es mir nicht, ich hab nur die neuen Möbel getestet!“ erklärte sie den beiden. „Sowie du klingst ist der Test gut verlaufen!“ meinte Ben und fing an zu lachen. Janin konnte nicht anders als mitzulachen.

    Maya hatte ihre Schüchternheit gegenüber dem ihr fremden alten Mann abgelegt. Sie fing an das ganze Haus auseinander zu nehmen. Maya sagte Ben offen was ihr am Haus gefiel und was nicht. Das meiste war toll, aber grüne Bettwäsche das geht gar nicht. Janin stoppte das Gespräch als sie sah wie sich Ben nicht mehr vor Lachen sondern vor Schmerzen krümmte.

    Sie holte ihm eine Schmerztablette und befall ihm sich aufs Sofa zu legen. Maya tat es leid, dass Ben nun wegen ihr schmerzen hatte. Sie setzte sich neben Ihn und hielt seine Hand. Janin erklärte ihr, dass Ben ganz schlimme Verletzungen hatte und wenn er zu viel Lacht diese ganz schön wehtun können. Maya dachte Lachen sei gesund! Zumindest hatte der Doktor im Krankenhaus das zu ihr gesagt.

    10. Geburtstag

    Charlie langweite sich, sie wusste einfach nichts mit sich Anzufangen. Ihre Freunde hier im Heim versuchten alles um sie zu motivieren etwas mit ihnen zu unternehmen. Selbst eine Radtour durch die in der Nähe liegenden Cranberry Felder hatte sie abgelehnt. Sie liebte die Fahrten entlang der großen Teiche in denen die Beeren wuchsen. Vor allen Dingen den Bauernmarkt an dem sie vorbei kamen. Dort konnte man von allem was angebotenen wurde Probieren und musste nichts dafür bezahlen. Die Säfte und die Bonbons waren das Beste.

    Charlie ging in den Computerraum. Normalerweise war dieser Raum immer gut besucht. Doch heute war sie die einzige, die sich hier aufhielt. Sie setzte sich an einen der Computer, der ganz hinten in der Ecke stand. Nachdem sie sich mit ihrem Namen und ihrem Passwort eingeloggt hatte, Gab sie in der Internet-Suche den Begriff „Hawaii“ ein. Eine lange Liste von Internetadressen wurde ihr angezeigt.

    Eigentlich war sie auf der Suche nach ihrer Freundin Kiki doch die hatte keine eigene Webseite. Charlie klickte auf Bildersuche und schaute sich die dort erscheinenden Bilder an. Das blaue Meer, die Wellen, der weiße Strand und im Hintergrund die großen Vulkane. Genau dort würde sie einmal hinreisen, wenn sie hier raus käme.

    Nach einer Weile wechselte sie die Suchanfrage. „San Francisco“ Dort lebte Peggy und sie schaute sich die Bilder der Stadt an. Die Bilder, die sie von der Stadt erhielt, waren nicht gerade berauschend. Selbst das so bekannte Hollywood war enttäuschend. Der einzige Lichtblick, waren all die berühmten Schauspieler und Sänger, die man auf vielen der Bilder zu sehen bekam. Nachdem sie genug von den Schauspielern und Sängern hatte und eh immer die gleichen Bilder erschienen, klickte sie weiter.

    „London“ kam als Nächstes dran. Diese Stadt war wirklich deprimierend: Alles in Grau. Jedes Bild, das sie fand, erschien immer nur ein  graues altes Gebäude. Selbst der Jahrmarkt, der in der Nähe von Big Ben sich befand, wirkte grau. Charlie klickte auf ein Bild, das die Themse und die Tower Bridge zeigte. Plötzlich erschien im oberen rechten Eck ein Pop-up-Fenster.

    Sie wollte es gerade schließen, da erschien ein Text darin.

    – Hallo Charlie, habe dich vermisst. Sel-

    Charlies Mund stand offen. Konnte das wirklich sein? War das wirklich Sel aus London? Sie klickte in das Feld, in dem die Nachricht stand. Ein blinkender Strich zeigte ihr, dass sie etwas schreiben konnte.

    – Hallo Sel, bist du das?-

    – Na was glaubst du denn vielleicht der Weihnachtsmann?-

    Kam prompt die Antwort.

    Charlie konnte es nicht fassen. Wie ist das möglich? Auf unseren Server sind doch alle Social-Media-Accounts und Zugänge von außen gesperrt! Und wie kommt sie gerade auf diesen Computer?

    -Hallo Sel, wie hast du das gemacht?-

    -Hast du dich in unseren Server gehackt?-

    -Du hast gar nicht gesagt, dass du so etwas kannst!-

    Sel antwortete in kurzen Sätzen.

    -Du hast auch nicht danach gefragt.-

    -Um dir zu erklären, wie ich das gemacht habe, würde viel zu lange dauern.-

    -Hauptsache ist doch, dass wir uns wieder schreiben können.-

    Charlie schrieb Sel, in einer stark verkürzten Version, was sie in den letzten beiden Monaten erlebt hatte. Sie teilte Sel auch mit, dass sie alle Personen, die eine Waffe hatten hasste, nachdem das mit Ben passiert war. Mit Ausnahme von Walter. Der musste natürlich dienstlich eine Waffe mit sich führen. Charlie wünschte sich, dass sie sich genauso gut mit Computern auskennen würde wie Sel, denn dann würde sie der Welt mitteilen, dass sie alle ihre Waffen vernichten sollen.

    Sel erklärte Charly, dass es gefährlich sei, sich in fremde Computer einzuhacken. Dafür könnte man ins Gefängnis kommen. Außerdem sei das Internet nicht die geeignete Plattform für solche Aktionen. Die meisten User würden eine solche Nachricht einfach wegklicken oder löschen ohne sie überhaupt gelesen zu haben.

    Es würde auch nichts bringen, einen Podcast einzurichten. Es würden sich zwar viele melden, aber du würdest meistens nur Kritik an deiner Äußerung bekommen. Die meisten Menschen stehen leider auf Gewalt. Glaubt mir, ich habe das alles schon einmal durchgerechnet.

    Charlie saß nun fast zwei Stunden an ihrem Computer und unterhielt sich mit Sel. So viel hatte sie schon lange nicht mehr geschrieben. Charlie schaute auf die Uhr rechts unten auf ihrem Bildschirm. Sie teilte Sel mit, das sie aufhören musste, da es gleich Abendessen gab.

    Auch Sel sagte, dass sie Schluss machen müsse. Schließlich wäre der Zeitunterschied zwischen London und Vancouver ca.7 Stunden und somit bei ihr bereits Mitternacht. Daran hat Charlie überhaupt nicht gedacht. Sie verabschiedete sich von Sel und meldete sich an ihrem Computer ab. Verdammt, dachte sie, ich hab ganz vergessen Sel zu fragen, wie und wann wir uns wieder schreiben können!

    Charlie saß nun seit zwei Wochen jeden Tag um dieselbe Zeit an dem Computer an dem sie damals Kontakt mit Sel hatte und wartete darauf, dass sie sich meldet. Sie klickte auch immer wieder das Bild an, das sie damals gesehen hatte. Sie hoffte, dass sie Sel dadurch auswendig machen könne. Aber Sel meldete sich nicht mehr. Enttäuscht und frustriert schloss sie sich wieder ihren Heimkameradinnen an.

    Es war Samstag der 8. September, ein Tag vor ihrem 16ten Geburtstag, und Charlie hatte mal so richtig ausgeschlafen. Greta hatte es fertiggebrach, ohne Charlie aufzuwecken, das Zimmer zu verlassen. Was Charlie sehr verwunderte. Denn sonst machte sie immer so viel Krach, dass sie wach wurde.

    Bekleidet mit dem grauen Sweetshirt das sie bei Ben mitgenommen hatte, ein paar Plüschpantoffeln an den Füssen und einem großen Handtuch über der Schulter, machte sie sich auf den Weg ins Bad. 

    „Du glaubst es ja nicht!“ „Das ist ja mein Sweetshirt“ sagte eine Stimme hinter ihr. Charlie drehte sich um und da standen Anna und Hanna. „Woher willst du wiesen das es dein Sweetshirt ist?“ fragte Anna. „Ich erkenne es ganz genau an dem roten Faden mit dem ich das Loch am Ärmel geflickt habe!“ antwortete Hanna und zeigte auf die geflickte Stelle.

    Charlie zog ihren Ärmel nach vorne und betrachtete die Stelle auf die Hanna zeigte. Tatsächlich da war eine geflickte Stelle mit einem roten Faden ihr war das überhaupt nicht aufgefallen.

    Anna fing an zu lachen. „Ich hab gar nicht gewusst, dass du Nähen kannst!“ Hanna schaute Anna verärgert an, doch dann kam sie auf Charlie zu und umarmte sie. „Sag mal bist du gewachsen?“ „Du bist ja genau so groß wie ich!“

    Damit hatte Hanna sogar Recht. Sie war wirklich ein ganzes Stück größer geworden, seit ihrem letzten Besuch vor einem halben Jahr, als sie zusammen Skifahren waren. Auch Annas Mann Tom lernte sie dort kennen. Der war auch sehr nett zu ihr und versuchte ihr das Skifahren beizubringen! Miss. Warner hatte es ihr ausnahmsweise erlaubt mit ihnen ein Wochenende zu verbringen. Hauptsache sie brächten sie wieder heil zurück.

    Charlie war über das Auftauchen der beiden so überrascht, dass sie kein Wort sagen konnte. Dafür redete Anna umso mehr. „Wir dachten, du wärst schon längst angezogen und wir könnten gleich los!“ „Jetzt ist es schon fast 9 Uhr und du hast noch nicht einmal  geduscht!“ „Und bis du dann noch fertig angezogen bist, haben wir einen halben Tag verpasst!“ „Rede keinen Unsinn, Charlie braucht sicher nicht so lange im Bad wie du um sich fertig zu machen!“ meinte Hanna und gab Charlie einen Schups. „Sie stand heute Morgen schon um 6 Uhr auf und war erst um 8 Uhr wieder aus dem Bad!“ „Das ist auch der Grund warum wir jetzt erst hier sind!“ „Das stimmt überhaupt nicht!“ „Wir sind so spät dran weil du so lange Gefrühstückt hast!“ konterte Anna.

    Charlie konnte sich die beiden, ohne ihre kleinen Sticheleien nicht vorstellen, die beiden waren einfach nur Toll. Anna und Hanna waren fast zwanzig Jahre älter als sie aber sie benahmen sich manchmal wie Teenager. Wieder einmal hatte Charlie das Gefühl zu ihnen zu gehören, als wäre sie ihre kleine Schwester.

    Charlie beeilte sich im Bad und verzichtete darauf ihr langes Haar trockenzuföhnen. Draußen schien die Sonne und es war warm, ihre Haar konnten auch in der Sonne trocknen. Nachdem sie sich ihre Jeans und ein dunkelblaues T-Shirt übergestreift hatte, betrachtete sie ihre schon ziemlich verschlissenen Sneakers. Ich brauch unbedingt neu Schuhe dachte sie, als sie hineinschlüpfte.

    Anna und Hanna warteten draußen am Haupteingang auf sie. Bei den beiden stand ein älterer Mann in einem dunklen Anzug und einer Chauffeur-Mütze auf dem Kopf. „Nah endlich!“ sagte Anna und stieg in die schwarze Limousine die hinter ihr stand. Hanna zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht von wem sie das geerbt hat!“ „Von Papa bestimmt nicht!“ „Der ist die Ruhe in Person!“ sagte sie, dann zeigte sie auf den älteren Mann. „Darf ich vorstellen!“ „Das ist Toni unser Chauffeur!“ Toni der Anna die hintere Tür der Limousine aufgehalten hatte drehte sich zu Charlie.

    „Aber Hallo!“ „Man hat mir überhaupt nicht gesagt, dass ich heute gleich drei wunderschöne Frauen chauffieren darf!“ sagte Toni und schenkte Charlie sein schönstes lächeln. „Bei dem musst du auf aufpassen!“ „Der flirtet mit jeder Frau die ihm begegnet!“ flüsterte Hanna Charlie mit einem Lächeln ins Ohr.

    Der Innenraum der Limousine war riesig. Als Charlie darin platznahm, hatte sie das Gefühl, sich auf ein bequemes Sofa zu setzen. Hinter dem Fahrersitz befand sich eine gläserne Trennscheibe und darunter ein kleine Minibar. Die Fahrt in die Stadt dauerte nicht lang, denn Toni stoppte den Wagen bereits an der ersten Butike an der sie vorbei kamen. Charlie konnte die Kleiderläden in denen sie waren kaum noch Zählen. Dazu kamen noch jede Menge Schuhgeschäfte.

    Es war schon ziemlich spät am Nachmittag als sie endlich eine Pause einlegten. Charlie hatte so viele Hosen, Kleider und Schuhe anprobiert das sie einfach nicht mehr konnte. Sie wusste auch nicht welche Sachen, von denen die ihr gefielen, Anna bezahlt, und mitgenommen hatte.

    Nun saßen sie in einem kleinen Lokal in einer Einkaufspassage und erholten sich von ihrem Einkaufsmarathon. Wenn Charlie gewusst hätte, was die Beiden mit ihr vorhatten, hätte sie sich geweigert mitzukommen. Es war nicht so, dass sie nicht gerne mit ihnen einkaufen ging. Doch das mit dem ständigen Aus- und Anziehen nervte.

    Hanna schaute auf ihre Uhr und beendete die Pause. „Leute, wir sind zu spät dran!“ „Wir verpassen unseren Termin beim Friseur wenn wir uns nicht beeilen!“ Charlie schaute Hanna erschöpft an. „Wie bitte!“ „Friseur?“ „Ich brauch doch keinen Friseur!“ protestierte Charlie. „Und ob!“ „Und danach noch eine Maniküre und eine Pediküre!“ „Es ist schon alles Organisiert!“ „Du kannst dich später bei Anna bedanken!“ „Aber jetzt müssen wir los!“

    Die beiden zerrten Charlie aus der Einkaufspassage in die Tiefgarage wo Toni auf sie wartete. Zehn Minuten später saß sie bereits auf einem Friseurstuhl bei einem der angesagtesten Friseure Vancouvers. Charlie hatte sich vorgenommen nie wieder mit den Beiden eine spontane Einkaufstour zu machen.

    Der Friseur der sich um sie kümmerte machte ihr nach dem Waschen und Schneiden, einen perfekten Französischen Zopf. Charlie hatte noch nie einen Zopf! Sie trug ihr Haar sonst immer offen oder mit einem Haargummi zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Aber der Tag war noch nicht zu Ende.

    Bei ihrer nächsten Station kümmerten sich gleich zwei Leute um sie. Es stand Maniküre und Pediküre auf dem Plan. Während sich eine Frau um ihre Fingernägel kümmerte versuchte die andere ihre Fußnägel zu schneiden.

    Dies stellte sich als extrem schwierig heraus, denn Charlie war an ihren Füßen äußerst kitzlig. Doch am Ende hatten sie es geschafft. Charlie hatte jetzt perfekt gepflegte pinkfarbene Fuß- und Fingernägel. Die Farbe hatte sich nicht Charlie sondern Anna ausgesucht. Charlie fand die Farbe voll daneben.

    Nachdem sie endlich alles erledigt hatten was Anna und Hanna mit Charlie geplant hatten. Machten sie noch einen zwischen Stopp, in dem Western Saloon den Walter ihnen gezeigt hatte, bevor sie Charlie wieder zurück ins Heim brachten. Diesmal ging das Ganze ohne viel Gelächter und Schmiererei über die Bühne. Sie waren alle viel zu erschöpft von ihrer Einkaufstour.

    Im Waisenhaus angekommen brachte Toni die Unmengen an Einkauftüten und Schuhkartons in Charlies Zimmer. Greta ihre Zimmerkameradin staunte nicht schlecht als sie die vielen Einkauftüten sah. „Sag mal hast du die ganze Stadt leergekauft?“ fragte sie Charlie. „Ich habe gehört, dass du mit Mr. Stones Töchtern zum Einkaufen in die Stadt gefahren bist!“ „Zeigst du mir was sie dir alles gekauft haben!“

    Greta war ein wenig neidisch auf Charlie. Sie wünschte sich, sie hätte auch so nette und reiche Bekannte. Charlie war das alles extrem peinlich. Sie konnte doch nichts dafür, dass Anna und Hanna sie mit Geschenken überhäuften. Und jetzt wollte Greta auch noch sehen was sie ihr alles gekauft haben.

    Anna und Hanna kamen ins Zimmer und Charlie schaute sie traurig an. „Was schaust du denn so belämmert?“ „Stimmt was nicht?“ fragte Hanna und setzte sich an Charlies Schreibtisch. „Ich weiß schon!“ „Dir ist es peinlich das du so viel bekommen hast und die anderen hier nicht!“ „Stimmt’s?“ sagte Anna und nahm Charlie in den Arm.

    „Das musst du nicht sein!“ „Wir haben für alle hier etwas organisiert!“ „Aber sie bekommen ihre Sachen erst Morgen, an deinem Geburtstag!“ „Das wird dann, dein Geschenk von dir, an alle anderen hier!“ sagte Anna.

    Charlie schaute Anna erstaunt und fragend an. „Von mir?“ „Aber so viel Geld hab ich nicht um allen etwas zu Kaufen!“ „Das brauchst du auch nicht!“ „Wir haben so viele Sponsoren aufgetrieben das jeder hier in deinem Namen ein Geschenk erhält!“ erklärte ihr Anna.

    „Miss. Warner hat uns die Kleidergröße, der Kinder und Teenager hier, gegeben!“ „So bekommt jeder das was er am dringendsten braucht in seiner Größe!“ Greta schaute Anna mit großen Augen an.

    Sie konnte sich noch gut an Charlies 14ten Geburtstag erinnern. Damals feierten sie ihn in einem Feriencamp an einem See. Und an ihrem 15ten waren sie bei Mr. Stone Zuhause auf seinem Grundstück. Dort gab es ein großes Grillfest, Kanus und Quads mit denen sie fahren durften, das war ein riesen Spaß. Anna hatte Recht! An Charlies Geburtstagen hatten alle etwas davon.

    Hanna nahm eine rote Einkaufstüte die neben Ihr auf Charlies Bett stand und übergab sie Greta. „Hier eine Kleinigkeit von den Verkäufern des kleinen Bauernmarktes auf dem ihr immer die kostenlose Proben testet.

    Charlie drehte sich zu Hanna. „Woher wiest ihr das denn?“ Hanna zuckte mit den Schultern. „Wir haben überall unsere Spione!“ Dann nahm Hanna eine zweite Tüte, die genau so aussah wie die, die sie Greta gegeben hatte, und gab sie Charlie.

    Die Beiden holten das darin befindliche Kleidungsstück heraus. Eine Latzhose aus Jeans und beide hatten die gleiche. Greta und Charlie schauten sich verdutzt an. „Ihr müsst nachschauen ob das auch eure passende Größe ist!“ „Wenn nicht müsst ihr sie tauschen!“ sagte Anna. „Jetzt könnt ihr im Partnerlook zum Bauernmarkt fahren!“ fügte Hanna hinzu und lachte.

    Charlie schaute Anna erschrocken an. „Aber das mit dem Partnerlook gilt nicht für alle hier, oder…?“ Anna und Hanna fingen herzhaft an zu lachen, ihnen schossen sogar Tränen in die Augen. So ernsthaft, wie Charlie sie das gefragt hatte, war einfach unbeschreiblich.

    Es war der 9te September, heute hatte sie Geburtstag! Charlie war total aufgeregt und schon ganz früh am Morgen aufgewacht. Greta die sonst vor ihr wach war, lag noch in ihrem Bett und schlief. Heute ging sie nicht mit dem grauen T-Shirt das Hanna gehörte, wie sie nun wusste, sondern mit einem schneeweißen Bademantel bekleidet, den ihr Anna und Hanna geschenkt hatten, ins Bad.

    Charlie schlich sich leise aus dem Zimmer und ging in das Gemeinschaftsbad welches gegenüber dem Speisesaal lag. Sie hörte das Geklapper von Geschirr und eine Frauenstimme. Charlie schaute in den Speisesaal und beobachtete wie Helga, die Köchin des Heims, ein paar ältere Heimkameraden Anweisungen gab. Charlie war überrascht, dass diese die Tische im Speisesaal mit weisen Tischdecken überzogen und Gläser mit bunten Blumensträußen darauf stellten.

    Auch Tassen und Teller wurden ordentlich auf den Tischen verteilt. Sollte das alles extra für ihren Geburtstag so schick hergerichtet werden? Charlie huschte schnell ins Bad bevor jemand sie sah. Sie wollte ihnen nicht die Überraschung verderben.

    Das Duschen fiel ihr heute besonders schwer, denn sie hatte immer noch den Französischen Zopf in ihrem Haar. Sie wunderte sich darüber, als sie in den Spiegel sah, dass er heute Morgen noch genauso aussah wie am Tag zuvor. Sie achtete sehr darauf, dass ihre Haare nicht nass wurden. Denn ihr gefiel diese Frisur, sie sah damit irgendwie etwas älter aus.

    Charlie war zurück in ihrem Zimmer und überlegte was sie heute anziehen sollte. Es waren so viele neue Kleidungsstücke die sie gestern bekommen hatte das es ihr schwerfiel sich zu entscheiden.

    Ihre Zimmertür wurde plötzlich aufgestoßen und ein sehr lautes „Happy Birthday“ schallte ihr entgegen. Greta stand vor lauter schreck in ihrem Bett und sie war kreideweis im Gesicht. Auch Charlie war vor lauter schreck bis zu ihrem Schreibtisch am Fenster zurückgewichen. In der Tür standen Anna und Hanna, wer den sonst!

    „Seit ihr Irre?“ „Ich hätte fast einen Herzinfarkt bekommen!“ sagte Charlie und faste sich an die Brust. Auch Greta schaute die beiden in der Tür, immer noch geschockt von diesem Überfall entsetzt an.

    Hanna stürmte als erste auf Charlie zu und umarmte sie. „Alles, alles Gute zum Geburtstag und das alle deine Träume in Erfüllung gehen!“ wünschte sie ihr. Anna kam ebenfalls zu ihr, doch anders als Hanna umarmte sie sie nicht sondern nahm ihre Hand und drehte sie im Kreis. „Perfekt, die Frisur sitzt noch, ich hatte schon bedenken das wir sie neu richten müssen!“ sagte sie bevor auch sie Charlie in die Arme nahm und ihr alles Gute wünschte.

    Greta hatte sich mittlerweile von ihrem ersten Schock erholt. Sie holte sich ein großes Handtuch aus ihrem Schrank. „Ihr seid wirklich total Irre, einen so aus dem Schlaf zu reisen!“ sagte sie und verließ, in ihrem hellblauen Schlafanzug mit weißen Wolken darauf, das Zimmer. Hanna zuckte nur mit den Schultern und meinte. „Sie hat uns noch nie erlebt wenn wir mal so richtig jemand erschrecken!“

    Charlie schaute die beiden verwundert an. „Was macht ihr den so früh am Morgen hier?“ „Was den wohl!“ „Wir helfen dir beim Anziehen und außerdem wollten wir die ersten sein die dir Gratulierten!“ „Mir beim Anziehen helfen?“ „Ich bin alt genug um mich selbst anzuziehen!“ sagte sie und ging an ihren Kleiderschrank.

    Anna stoppte sie. „Nicht das was wir dir gestern gekauft haben!“ „Ich hab dir was ganz besonderes mitgebracht!“ Anna verließ das Zimmer und kam mit einem langen an einem Kleiderbügel hängenden Kleidersack und einem Rollkoffer zurück und schloss die Tür hinter sich. „Heute werden wir dich, zur Feier des Tages, mal so richtig schick machen!“ Anna hängte den Kleidersack an den Kleiderschrank und warf den Rollkoffer auf Charlies Bett.

    Sie öffnete den Koffer und holte einen strahlend  weißen Schlüpfer und einen dazu passenden weißen Büstenhalter heraus. „Los anziehen!“ befall sie Charlie die immer noch ihren Bademantel anhatte. Charlie war es peinlich sich den beiden nackt zu zeigen. Da sie unter ihrem Bademantel eh nichts anhatte zog sie den Schlüpfer an ohne den Bademantel abzulegen. Beim Büstenhalter war das aber nicht möglich.

    Hanna half ihr mit dem Verschluss. „Perfekt!“ meinte Anna. „So eine Figur wie Charlie möchte ich auch haben!“ sagte Hanna neidisch. Verlegen betrachtete sich Charlie in dem kleinen Spiegel über dem Waschbecken in ihrem Zimmer. Anna öffnete den Reißverschluss an dem am Schrank hängenden Kleidersack.

    Darin befand sich ein langes weißes Kleid. Vorsichtig holte es Anna heraus und hielt es vor Charlies Körper. „Wow, damit beeindruckst du die gesamte Männerwelt. Du wirst dich vor Heiratsanträgen nicht mehr retten können!“ sagte Anna mit einem bewunderten lächeln.

    Als Hanna den Reißverschluss am Rücken geschlossen hatte strahlten ihre Augen. Das Kleid passte Charlie wie angegossen. Es war ein enganliegendes, Knielanges Midi-Kleid mit Karree-Ausschnitt und Knopfdetail.

    Anna holte noch ein schmales pinkfarbenes Seidenband aus ihrem Koffer und band es mit einer großen Schleife am Rücken um Charlies Hüfte. Jetzt wusste Charlie auch warum Anna auf den pinken Nagellack bestanden hat. In ihrem Koffer befanden sich auch noch weiße Söckchen und nagelneue schneeweiße Sneakers.

    Hanna machte gerade ein Bild mit ihrem Smartphone von Charlie als Greta wieder ins Zimmer kam. Wie von einem Blitz getroffen blieb sie stehen. Ihr Mund stand weit offen und ihr Bick wanderte über Charlie.

    Sie hatte Charlie noch nie in einem Kleid gesehen. Sie sah so ganz anders aus und sie war total hübsch. Als sie das Zimmer verlassen hatte, hatte sie vor lauter Schreck über das Auftreten von Anna und Hanna ganz vergessen Charlie zum Geburtstag zu gratulieren.

    Normalerweise wäre sie ihr um den Hals gefallen. Doch so wie sie nun vor ihr stand traute sie sich das nicht. Sie streckte ihre Hand Charlie entgegen. Charlie ahnte was sie vorhatte und viel ihr um den Hals. „Kannst mich ruhig umarmen um mir zum Geburtstag zu gratulieren!“ „Ich bin immer noch Charlie deine Freundin, auch wenn ich jetzt ein bisschen komisch Aussehe!“

    Greta gratulierte ihr herzlich und löste sich aus Charlies Umarmung. „Wahnsinn!“ „Du siehst einfach wunderschön aus in dem Kleid, und mit deinen Haaren!“ Auch Anna und Hanna teilten Gretas Meinung über Charlie.

    Nachdem Greta sich ein weises T-Shirt und ihre neue Latzhose angezogen hatte gingen sie gemeinsam in den Speisesaal. Charlie fühlte sich nicht ganz wohl in ihrem Kleid, soviel Aufmerksamkeit hatte sie noch nie erhalten. Alle hier schauten sie mit Erstaunen und Bewunderung an.

    Anna und Hanna setzten sich zum Frühstück rechts und links neben sie. „Schau dir mal die Jungs an wie sie zu dir rüber schauen und dich bewundern!“ sagte Anna. „Ja genau!“ „Denen fallen gleich die Augen aus dem Kopf!“ fügte Hanna noch hinzu. Charlie bekam einen roten Kopf und wünschte sich der Tag möge bitte schnell vorübergehen. Doch der Tag hatte erst begonnen.

    11. Nachrichten

    Nachdem die drei gefrühstückt hatten, begaben sie sich in den Park. Ein Catering-Service baute seine Tische auf. Mehrere große Grillstationen und kleine Pavillon-Zelte waren überall im Park verteilt. Überall gab es Tische und Bänke, wo man sich hinsetzen konnte. Neben dem kleinen Spielplatz auf dem Gelände wurde eine riesige Hüpfburg aufgeblasen und auf einer kleinen Bühne neben dem Haupteingang installierte man riesige Lautsprecher.

    Charlie blieb stehen und schaute Hannah und Anna an. „So einen Aufwand und das nur weil ich Geburtstag habe?“ „Wie viele Leute sollen da noch kommen?“ „Das sieht aus, als hättet ihr die ganze Stadt eingeladen!“ sagte Charlie. „Keine Angst meine Große, es ist nur die halbe Stadt!“ antwortete Anna mit einem Lächeln. „Wo ist eigentlich Ben?“ fragte Charlie und schaute sich um. „Oh der kommt sicher bald. Dad holt nur noch jemand vom Flughafen ab!“ „Die sollten aber schon längst hier sein!“

    Die Drei gingen weiter und immer wieder kamen Leute und gratulierten Charlie zu ihrem 16ten Geburtstag. Die meisten von ihnen kannte sie überhabt nicht. Toni, Anna und Hanna Chauffeur, stand an einer der Grillstationen und unterhielt sich mit dem Mann, der gerade den Deckel von seinem Grill aufmachte. Dicker Rauch stieg in den Himmel und der Mann zeigte Toni die Fleischstücke, die auf seinem Grill lagen.

    Toni bemerkte die drei, die auf ihn zukamen. Er verabschiedete sich von dem Mann am Grill und kam ihnen entgegen. Er blieb vor Charlie stehen und machte eine tiefe Verbeugung. „Ich wünsche Ihnen alles Gute zum Geburtstag Eure Hoheit!“ „Sie sehen bezaubernd aus!“ sagte er und schaute sie bewundernd an. Charlie bekam wieder einmal einen roten Kopf doch ihr gefiel die Schmeichelei, die Toni ihr machte. Er verstand es, einer Frau das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu sein.

    Ein schwarzer Pickup-Truck fuhr auf das Gelände. Es war Ben, der seinen Truck neben der kleinen Bühne am Haupteingang parkte. Charlie erkannte ihn, bedankte sich bei Toni und rannte über dem Rasen zu Ben.

    Dieser hatte die Fahrertür gerade geöffnet, da fiel ihm Charlie schon um den Hals. „Ich hatte schon Angst, dir wäre wieder etwas zugestoßen!“ sagte Charlie erleichtert. Charlie hatte noch die Arme um ihn geschlungen, als er Ausstieg. „Alles Gute zum Geburtstag Charlie!“ Sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

    Jemand zupfte an ihrem Kleid und sie drehte sich um. Hinter ihr stand Maya und schaute sie mit großen Augen an. „Mann, bist du hübsch, alles Gute zum Geburtstag, so ein Kleid möchte ich auch!“ sagte Maya. Charlie war erstaunt! Maya hatte es geschafft, bei ihrer großen Bewunderung über ihr aussehen, noch ein „alles Gute zu ihrem Geburtstag“ mit einzubauen.

    Janin, Mayas Mutter stieg aus Bens Wagen und gab Charlie die Hand. „Alles Gute zum Geburtstag Charlie!“ „Du siehst wirklich bezaubernd aus!“ Hinter Janin tauchte eine älter, sehr hübsche Frau auf. Janin und Maya gingen zur Seite um ihr Platz zu machen.

    Diese Frau musterte Charlie von oben bis unten. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag junge Dame!“ „Ich freue mich dich endlich einmal persönlich kennen zu lernen!“ Sie gab Charlie die Hand und schaute zu Ben. „Du hast gar nicht gesagt, dass sie schon eine erwachsene Frau ist!“

    Anna und Hanna waren nun auch dazugekommen und standen nun hinter ihr. Man konnte eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den dreien erkennen. Die fremde Frau drehte zu ihnen um. „Also ich weiß nicht wer das auf den Bildern war, die ihr mir geschickt habt, aber diese hübsche junge Frau sieht ganz anders aus, als das kleine Mädchen darauf!“

    Charlie schaute Ben fragend an. „Oh entschuldige Charlie ich hab euch beide noch gar nicht  einander vorgestellt!“ Ben trat neben die Fremde und legte seinen Arm um ihre Hüfte. Diese drehte sich zu Ben und machte das Gleiche. „Darf ich verstellen!“ Lea…, Anna und Hannas Mutter, meine Ex-Frau und beste Freundin!“ Charlie hatte sich schon so etwas gedacht. „Lea…, das ist Charlie, das kleine Mädchen das sich bei mir im Bootshaus versteckt hatte!“ erklärt Ben Lea und lächelte dabei.

    Nachdem dies geklärt war begab sich die Gruppe zu einem der aufklappbaren Tische und Bänke gleich neben der nun aufgeblasenen Hüpfburg. Lea nahm Charlies Hand und zog sie von der Gruppe weg. „Hast du Lust mir das Waisenhaus zu zeigen?“ „Wir könnten uns dabei auch gleich ein wenig kennenlernen!“ Charlie nickte und die beiden gingen nebeneinander zum Haupteingang.

    Miss. Warner kam ihnen entgegen. „Da ist ja unser Geburtstagskind!“ „Ich hab dich schon überall gesucht!“ Sie Wünschte Charlie alles Gute und fragte sie wo sie Mr. Stone finden könnte. Nachdem sie ihr das gesagt hatte gingen Charlie und Lea weiter. Sie zeigte Lea ihr Zuhause und erklärte ihr die einzelnen Gebäudeteile. Aber Charlie hatte das Gefühl das sie ihr überhaupt nicht richtig zuhörte. Sie schaute sie nur die ganze Zeit an und schien über irgendetwas Nachzudenken.

    Die Führung dauerte fast eine Stunde und Lea hatte kaum ein paar Worte mit ihr gesprochen. Es war Charlie die die meiste Zeit geredet hatte. Die beiden setzten sich auf eine der vielen Parkbänke unter einem Baum. Charlie achtete darauf, dass die Bank auch sauber war, schließlich wollte sie ihr schickes Kleid nicht schmutzig machen.

    Nachdem sie kurz schweigend nebeneinander saßen und die vielen Menschen die mittlerweile auf dem Gelände umherliefen beobachtet hatten schaute Lea Charlie lächelnd an. „Ben hat recht, du scheinst etwas ganz Besonderes zu sein!“ sagte sie und begann damit ihr alles zu Erzählen was Ben und ihre Töchter über sie berichtet hatten. Sie gab auch offen zu das sie am Anfang ziemlich skeptisch ihr gegenüber war, und ihren Töchtern den Auftrag gab, Erkundigungen über sie einzuholen.

    Charlie schaute sie verwundert und erstaunt an. Erkundigungen über sie! Soll das heißen, dass die Beiden sich nur mit ihr angefreundet hatten um mehr über sie zu erfahren. Charlie war enttäuscht von Anna und Hanna. Sie hatte geglaubt sie wären Freunde.

    Lea bemerkte den enttäuschten Blick von Charlie und nahm sie in den Arm. „He meine Große, das war nichts persönliches gegen dich!“ „Aber du musst auch uns verstehen!“ „Ben lebte nun Jahre lang alleine und plötzlich kommt da ein fremdes Mädchen und verändert sein ganzes Leben!“ „Ich war mir nicht klar darüber ob er bei dir, das Nachholen wollte was er bei Anna und Hanna versäumt hatte!“

    „Aber nach allem was die beiden mir berichtet hatten, muss ich dir sogar dankbar sein das du ihn wieder zum Leben erweckt hast!“ „Mit dir hat er wieder eine Aufgabe und sitzt nicht so alleine daheim rum!“ „Nachdem er Angeschossen wurde war er sogar bereit eine Hauswirtschafterin bei sich einzustellen!“

    Charlie wusste, dass Ben, Janin dazu überredete hatte, bei dem Pflegedienst bei dem sie Angestellt war, zu kündigten. Ben stellte sie als Haushälterin bei sich ein. Janin und Maya wohnten nun auch bei ihm. Ben hatte Maya auch ab und zu mit ins Waisenhaus mitgebracht. Die kleine war eine Marke für sich!

    Lea erklärte Charlie auch ihre Bedenken darüber dass Ben nun ein alter und reicher Mann sei und sie darauf achteten, dass er keine Dummheiten machte. Schließlich waren sie eine Familie und man passte aufeinander auf. Genauso wie Charlie auf Ben im Krankenhaus aufgepasst hatte. Charlie schaute auf. Wie eine Familie die aufeinander aufpasst! Soll das bedeuten sie zählte sie zu ihrer Familie?

    Mittlerweile war auch Walter im Waisenhaus eingetroffen. Er hatte einige seiner Mountie-Kollegen mitgebracht. Ein paar von ihnen hatten sogar ihre Pferde dabei. Im nu waren diese von einigen Kindern umringt und jedes von ihnen wollt einmal auf einem der Pferde reiten.

    Walter, in seiner schicken Ausgehuniform, sah Charlie und eine fremde Frau unter einem Baum sitzen und kam zu ihnen. „Alles Gute zum Geburtstag meine Große!“ „Du siehst bezaubernd aus in deinem weißen Kleid und mit deiner schicken Frisur!“ sagte er voller Bewunderung.

    Nachdem Walter sich Lea vorgestellt hatte, gingen die drei zurück zu den anderen. Die saßen noch am gleichen Platz wie zuvor, außer Maya, die sich auf die Hüpfburg verzogen hatte. Auch Miss. Warner saß bei der Gruppe und Walter begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange. Einige Männer an ihren Grills verkündeten, dass das Essen fertig sei und die Gäste sich bedienen könnten.

    Charlie betrachtete ihr Kleid und fragte Anna, ob sie sich umziehen dürfe, sie wolle es nicht schmutzig machen. Die beiden gingen auf Charlies Zimmer und sie zog ein weißes T-Shirt und die neue Latzhose, die sie ihr geschenkt hatten, an. Jetzt fühlte sie sich wohler. Nun würde sie auch nicht mehr so auffallen.

    An den Grills herrschte reger Andrang. Auch Charlie stellte sich in einer Reihe hinter einen der Grills an. Mit einem großen Teller und einem Berg von Spare-Rips, der mit Barbecue-Soße übergossen war, kehrte sie an den Tisch zurück. „Alles meins!“ sagte Charlie zu Hannah und setzte sich neben sie.

    Dieses Mal hatte sie kein schützendes Hemdchen über und im Nu war ihre neue Latzhose mit Barbecue-Soße bekleckert. Auch Anton war mittlerweile mit seiner Frau eingetroffen und setzte sich an den Tisch.

    Nachdem sie alle gegessen hatten ging Charlie auf ihr Zimmer und machte sich frisch. Sie versuchte auch, ein paar Flecken auf ihrer Latzhose abzuwaschen, doch das misslang, die Flecken wurden nur noch größer. Als sie zurückkehrte, standen Ben, Lea, Anna, Hannah, Walter und Anton an der Eingangstür. Auch Janin und Maja standen bei ihnen. Es hatte den Anschein, als würden alle auf sie warten.

    Charlie schaute sie fragend an. „Ist was passiert?“ fragte sie und schaute in die Runde. „Noch nichts!“ sagte Ben und schaute über Charlie hinweg den Flur entlang. Miss. Warner kam mit einem Klemmbrett in der Hand von hinten auf Charlie zu. „Ich möchte nur, dass du etwas für mich unterschreibst!“ „Aber nur wenn du möchtest!“  sagte Ben und zeigte auf Miss. Warner.

    Charlie drehte sich um und Miss Warner reichte ihr das Klemmbrett mit einem Kugelscheiber. „Was ist das?“ „Was soll ich hier unterschreiben?“ fragte sie und schaute auf das weiße Papier auf dem Klemmbrett. „Das ist nur dein Schriftliches Einverständnis dafür, dass ich vorläufig deine Vormundschaft übernehme!“ „Ich möchte dir die Entscheidung überlassen, ob du das möchtest oder nicht!“ „Wenn ja könntest du heute noch bei mir einziehen?“  sagte Ben und legte seine Hand auf ihre Schulter.

    Charlie drehte sich zu Ben und fing an zu weinen. Ben nahm sie in den Arm und wischte ihr eine Träne von der Wange. Das war das beste Geburtstagsgeschenk aller Zeiten. Nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, unterschrieb sie das weiße Stück Papier und nahm die Glückwünsche aller Anwesenden entgegen. „Willkommen in unserer Familie!“ sagte Lea und drückte sie fest an sich.

    Lea erklärte Charlie, dass sie wochenlang darüber diskutiert hätten, ob Ben die Vormundschaft für sie übernehmen soll. Sie sagte auch, dass sie von Anfang an dagegen war, aber von Ben, Hanna und Anna überstimmt wurde. Jetzt nachdem sie sie heute persönlich kennenlernen durfte, hätte sie ihre Meinung aber geändert. Irgendwie passte Charlie in diese verrückte Familie, meinte sie und lachte.

    Charlie musste das Ganze gleich Greta erzählen und machte sich auf die Suche nach ihr. Sie fand sie, mit anderen Heimkindern tanzend, vor der kleinen Bühne auf der einen Band einen populären Pop-Song spielte. Als Charlie ihr das von der Vormundschaft und dass sie jetzt zu Ben ziehen würde, erzählte, wurde sie traurig. Sie wünschte sich, sie könnte mit ihr gehen.

    Ben holte eine große Flasche Champagner und Gläser aus seinem Wagen und stellte sie auf den Tisch. Walter, der von dem Antrag auf Vormundschaft von Ben wusste, stellte eine kleine Piccolo-Flasche alkoholfreien Sekt, die er aus seiner Jacke holte dazu. Schließlich war Alkohol für Kinder verboten, doch sie sollten auch mit etwas prickelnden anstoßen dürfen. Auch wenn Ben sie nicht Adoptiert, sondern nur die Vormundschaft für sie übernommen hatte, gehörte sie jetzt zur Familie.

    Ben öffnete die Champagnerflasche. Er füllte die Gläser und gab jedem eines davon. Außer Charlie und Mayas Gläser waren alle mit Champagner gefüllt. Walter goss ihnen den alkoholfreien Sekt ins Glas. „Stoßen wir auf ein neues Familienmitglied an!“ Sagte Anna und erhob ihr Glas. Als alle auf Anna schauten, stieß Hanna, Charlie an und tauschte mit ihr die Gläser. „Nichts verraten!“ flüsterte sie Charlie zu.

    Sie saßen noch lange am Tisch und jeder erzählte eine Geschichte, die sie mit Charlie in den letzten drei Jahren erlebt hatten. Miss. Warner musste leider die Gruppe verlassen um sich auch um die anderen Gäste zu kümmern. Schließlich war sie die Leiterin des Waisenhauses und sie musste mit den Sponsoren die Anna und Hanna eingeladen hatten sprechen.

    Anton und Walter diskutierten über die neusten Ereignisse auf der Welt. Anton beschwerte sich über das Fernsehen und das alle Sender irgendein Problem nicht in den Griff bekamen. Ben wusste nicht um was für ein Problem es dabei ging, aber als Lea sich in Anton und Walters Gespräch einmischte wurde er hellhörig.

    Jemand hatte sich in alle Fernsehsender der Welt gehackt und blendete, jede volle Stunde für eine Minute, eine Nachricht ein. Ben hatte schon seit Ewigkeiten keinen Fernsehern mehr gesehen und fragte Anton „Was für eine Nachricht!“

    Anton erklärte ihm, dass jede Stunde ein in schwarz geschriebener Satz auf gelben Hintergrund eingeblendet wurde. Und dieser Satz lautete: „Vernichtet alle Waffen die dieser Planet je erschaffen hat!“ Seit nun mehr fast drei Wochen erschien nun diese Nachricht und keiner hatte es fertiggebracht etwas dagegen zu unternehmen. Es hat sich auch noch niemand zu diesem Anschlag auf die Sender bekannt.

    Ben wurde ganz weiß im Gesicht und Janin die dies zuerst bemerkte fragte ihn ob alles in Ordnung sei. Auch alle anderen schauten Ben besorgt an. „Es ist alles Ok. Ich bin es nur nicht gewohnt unter so vielen Menschen zu sein! Ich mach mal einen kleinen Spaziergang, dann geht es mir wieder besser!“ sagte Ben, stand auf und verließ die Gruppe.

    Lea beruhigte die Anderen am Tisch, und erklärte ihnen, dass Ben so etwas öfter macht, er ist kein Mensch der sich mit so vielen Menschen um sich herum wohlfühlte. Ben ging zu einer Bank die etwas abseits des Trubels stand und setzte sich. Seine Gedanken waren bei dieser Mitteilung die im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Er kannte nur eine die dazu in der Lage wäre so etwas zu tun.

    Ben holte sein Smartphone aus seiner Hosentasche und schaltete es ein. SEL…, warst du das?“ Eine sanfte weibliche Stimme Antwortete. „Ich weiß nicht was du meinst!“ „Könntest du bitte etwas konkreter werden!“ „Diese Einblendungen im Fernsehen!“ sagte Ben wütend.

    „Oh, die meinst du!“ „Das ist nur ein kleiner Test!“ antwortete SEL. Sie erklärte ihm, dass sie bisher nur seine und Charlies Reaktionen auf bestimmte Dinge analysieren und auswerten konnte. Die Daten die sie bisher im Internet über die Menschliche Psyche und ihr verhalten gesammelt hatte waren nicht aussagekräftig. Das meiste was dort verbreitet wurde waren Lügen und eine übertriebene Selbstdarstellung. Keiner zeigte dort sein wahres Gesicht und seine Einstellung zu dieser Welt.

    „Du wirst diesen sogenannten Test auf der Stelle beenden!“ „Dir muss doch klar sein das so etwas viel zu gefährlich ist!“ „Du kannst nicht einschätzen wie die Menschen darauf reagieren!“ „Oh doch, das kann ich!“ wiedersprach ihm SEL. „Ich übertrage diese Nachricht nun seit fünfundzwanzig Tagen und kein Mensch hat auf sie reagiert!“ Ben schaltete sein Smartphone aus und schaute auf die Menschen die an ihm vorbeigingen. Hatte wirklich keiner auf die Aufforderung, alle Waffen auf der Welt zu vernichten, reagiert?

    12. Reaktion

    Anna und Hanna halfen Charlie beim Packen und Ben und Walter trugen die Koffer und Taschen zu Bens Wagen. Lea war bereits auf dem Weg zum Flughafen, sie hatte sich lang und herzlich von Charlie verabschiedet. Sie sagte Charlie auch, dass sie in den Ferien auf ihrer Ranch in Texas zu Besuch kommen könnte. Natürlich nur wenn sie möchte! Charlie war natürlich sofort von dem Angebot das Lea ihr machte begeistert.

    Es war eine rührende Verabschiedung von den Kindern im Heim. Unzählige Tränen flossen und man konnte sehen wie schwer es Charlie fiel sie hier zurückzulassen. Charlie versprach ihnen aber, ab und zu, vorbeizuschauen. Auch Ben versprach ihnen sie nicht zu vergessen nur weil Charlie jetzt bei ihm Leben würde. Er würde weiter für das Waisenhaus da sein!

    Hanna und Anna baten Anton mit ihren Smartphones Bilder von allen zu machen. Sie stellten sich alle vor der Hüpfburg auf. „Die Kleinen nach vorne die Größeren dahinter und in die Mitte Charlie!“ „Miss. Warner und du Walter stellt euch rechts und links daneben!“ dirigierte Anton die Gruppe. Er musste weit zurückgehen um alle aufs Bild zu bekommen.

    Nachdem auch Anna, Hanna und Ben mit auf den Bildern festgehalten waren zeigte er die Aufnahmen Anna. „Die sind fantastisch geworden!“ „Von denen werde ich eins Vergrößern und in meinen Büro aufhängen!“ teilte sie den Anderen mit. Hanna und Anna verabschiedeten sich von Charlie und versprachen ihr, sobald es ihnen möglich sei, wieder vorbeizuschauen.

    Toni hatte die Limousine vorgefahren, und stieg aus um sich auch von Charlie zu verabschieden. „Ich hoffe sie kommen bald mal nach New York!“ „Es würde mich freuen ihnen dann einmal die Stadt zeigen zu dürfen!“ sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Hand. Charlie machte einen Schritt auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Darauf freue ich mich jetzt schon!“ antwortete sie ihm.

    Als letztes verabschiedete sich Charlie von Walter und Miss. Warner. „Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft und das ich dich nicht irgendwann festnehmen muss!“ sagte Walter. Als er sie zum Abschied in die Arme nahm flüsterte er ihr noch ins Ohr: „Ach ja und sag Hanna ich hab das mit dem Gläsertausch gesehen!“ Charlie drückte ihn ganz fest.

    Miss. Warner hatte ganz rote Augen als Charlie sie zum Abschied umarmte. Es war für sie nicht der erste Abschied von einem Kind hier aus dem Heim. Doch es war der emotionalste, da ihr Charlie so nahe gekommen war wie sonst keines der anderen Kinder. Außerdem war sie es die Walter in ihr Leben gebracht hatte, und dann noch Ben, einen großzügigen Sponsor, der auch ein Freund geworden ist!

    Janin und Maya saßen bereits auf der Rückbank von Bens Truck und Charlie durfte vorne sitzen. Als Ben das Gelände verlies schaute Charlie noch einmal zurück und sah Walter und Miss. Warner in fester Umarmung wie sie ihnen hinterher winkten.

    Es war ein langer Weg vom Waisenhaus, durch die Stadt zu Bens Haus. Maya war auf der Rückbank eingeschlafen und lag mit ihrem Kopf auf Janins Schoss. Es war ein anstrengender und erlebnisreicher Tag für alle. Charlie schaute Ben von der Seite an. Irgendetwas beschäftigte ihn, er hatte schon seit einiger Zeit nicht mehr mit ihr gesprochen. Vielleicht bereute er es, sie bei sich aufgenommen zu haben? Nein…, das kann es nicht sein.

    Ben parkte seinen Wagen vor der Terrasse seines Hauses und begann Charlies Sachen ins Haus zu tragen. Janin hatte Maya geweckt, denn sie war ihr viel zu groß und zu schwer geworden um sie reinzutragen. Maya ging etwas mürrisch und mit nur halb geöffneten Augen ins Haus und auf ihr Zimmer. Charlie folgte ihr mit ein paar Kleidertüten die sie Ben abgenommen hatte. Sie freute sich darüber, dass sie das gleiche Zimmer bekam, das sie damals, als sie das erste Mal bei Ben war, bekommen hatte.

    Janin schaute nach Maya, die bereits auf ihrem Bett lag und schlief. Maya hatte es noch nicht einmal fertiggebracht sich vorher auszuziehen. Janin zog ihr Jacke und Schuhe aus und legte eine Decke über sie. So erschöpft hatte sie ihre Tochter schon lange nicht mehr gesehen.

    Während Charlie ihre Sachen in ihren Schrank räumte, stand Ben unten in der kleinen Hausbar und schenkte sich ein Glas Rotwein ein. Janin kam zu ihm und schaute ihn fragend an. „Was ist los?“ „Irgendetwas beschäftigt dich doch?“ fragte sie in und setzte sich auf einen der Barhocker vor der Theke. „Wenn es etwas mit Charlie zu tun hat sollten du es mir sagen!“ Ben nahm einen kleinen Schluck aus seinem Glas. „Nein, mit Charlie hat das Ganze nichts zu tun!“ „Ich mach mir mehr Sorgen um jemand anders!“ „Aber bei der Sache kann mir keiner helfen, die muss ich alleine Regeln!“

    Ben bot Janin auch ein Glas Rotwein an. Janin die sonst keinen Wein trank nahm dankend an. Die beiden setzten sich auf das Sofa vor dem Kamin und ließen den Tag noch einmal Revue passieren. Seine Töchter hatten tolle Arbeit geleistet. Sie hatten viele neue Sponsoren an Land gezogen, und das nicht nur für dieses Waisenhaus sondern auch für andere Projekte. Er war stolz auf die Beiden.

    Es war spät geworden und Janin zog sich auf ihr Zimmer zurück. Charlie war nicht mehr zu ihnen ins Wohnzimmer gekommen. Sie hatte sich anscheinet auch bereits schlafen gelegt. Ben ging nach oben und setzte sich an seinen Computer und schaltete ihn ein. Auch er war müde von diesem Tag, doch er musste noch einmal mit SEL reden.

    „Hallo SEL, könntest du mir bitte noch einmal erklären was das Ganze soll!“ SEL zeigte Ben auf dem Bildschirm ein Diagramm ihrer gesammelten Daten und erläuterte die ihre daraus gewonnenen Erkenntnisse. „Wie du sehen kannst Diskutiert die Welt nicht darüber alle Waffen abzuschaffen. Nein! Sie ärgern sich darüber das vierundzwanzig Minuten ihrer Fernsehzeit durch meine Mitteilung blockiert werden.

    Die Sender beschweren sich über die Verluste an Werbeeinnahmen. Politiker beschuldigen andere Staaten etwas damit tun zu haben. Einige halten das Ganze für die Werbung eines neuen Filmes der bald rauskommen soll. Die Justizbehörden und die Geheimdienste suchen nach Hackern die dafür verantwortlich sein könnten. Ich frage mich ob überhaupt einer meine Nachricht richtig gelesen und verstanden hat!“

    SEL hatte Recht! Das Diagramm, das aufzeigte worüber die Welt momentan diskutierte war deprimierend. Es zeigte Ben eine glatte Null unter dem, nicht vorhandenen Balken, über dem „Waffen Vernichten“ stand, an. Keiner sprach über dieses Thema. Alle fragten sich nur wer und warum er dies Geschrieben hatte und wie es ihm möglich war Weltweit auf alle Sender zuzugreifen. Das Diagramm zeigte Ben aber nur worüber in den einzelnen Sendern gesprochen wurde. Er bat SEL im auch das Geschehen im Internet zu zeigen.

    SEL erstellte im dieses Diagramm und hier sah es etwas anders aus. Darunter erschien eine Liste von Argumenten für und gegen Waffen. Es wurde kräftig über den Sinn und Zweck von Waffen diskutiert. Hier im Netz konnten die Menschen anonym bleiben und ihre Meinung darüber offen äußern. Waffenbefürworter und Waffengegner legten ihre Argumente offen dar.

    -Die Waffenbefürworter argumentieren mit:-

    -Nicht Waffen töten sondern der Mensch der sie benutzt.-

    -Jeder Bürger sollte das Grundrecht haben, sich und seine Familie vor Kriminellen zu schützen.-

    -Bewaffnete Bürger verhindern, dass Einbrecher oder Angreifer, ihr kriminelles Verhalten überdenken und die Tat bleiben lassen.-

    -Jäger und Sportschützen sind keine Bedrohung für die Bevölkerung! Sie üben eine legale, reglementierte Tätigkeit aus, die Teil des Brauchtums und des Vereinslebens ist.-

    -Militärische Stärke und moderne Waffen dienen der Abschreckung von Aggressoren und dem Schutz von Bündnispartnern.-

    -Die Waffengegner halten dagegen:-

    -Es ist nachgewiesen, dass die Verfügbarkeit von Schusswaffen, zu mehr tödlichen Unfällen im Haushalt, Suiziden und Beziehungstaten führten.-

    -Kein legaler Waffenbesitzer kann verhindern, dass seine Waffe in falsche Hände gelangt, und stellt so ein Sicherheitsrisiko für andere dar.-

    -Mehr Waffen bedeutet nicht gleich weniger Kriminalität; stattdessen eskalieren Konflikte oft schneller und tödlicher, wenn Schusswaffen im Spiel sind.-

    -Militärische Aufrüstung kann zu Gegenaufrüstung führen und Konflikte verschärfen.

    Rüstungsexporte in Krisenregionen oder der Einsatz schwerer Waffen verursachen großes menschliches Leid, Zerstörung und Flüchtlingsströme.-

    -Die Milliardenbeträge, welche in die Rüstung fließen, fehlen an anderer Stelle – etwa bei Bildung, Sozialsystemen oder der Bekämpfung des Klimawandels.-

    Ben kannte diese Argumente alle. Er konnte einfach nicht verstehen warum keiner diesen einfachen Satz von SEL verstand.

    -„Vernichtet alle Waffen die dieser Planet je erschaffen hat!“-

    Was war daran so schwer zu verstehen? Diese sinnlosen Diskussionen über Waffen, Ja oder Nein, bräuchte man überhaupt nicht führen! Waffen waren für Ben der nutzloseste Gegenstand den es auf dieser Welt gab. Sie hatten nur eine einzige Funktion! Menschen oder Tiere zu verletzen oder gar zu Töten!

    Es ist schon richtig dass man aus allem eine Waffe machen kann. Aber diese können auch Werkzeuge sein, die uns das Leben erleichtern und für diesen Zweck wurden sie auch gebaut. Waffen nicht!

    Ben lehnte sich in seinen bequemen Arbeitsstuhl zurück. „SEL…, zu was für einer Erkenntnis bist du bisher gekommen?“ SEL zeigte Ben weitere Diagramme die sie erstellt hatte. „Mein Fazit zu diesem Zeitpunkt lautet: Die Menschen die sich im Besitz einer Waffe befinden würden lieber sterben als ihre Waffen zu vernichten!“ „Für mich ist dies vollkommen unlogisch und nicht nachvollziehbar!“ „Ist die Menschheit wirklich so dumm?“ fragte SEL. Ben schloss die Augen und sagte leise. „Ja das ist sie!“

    Als Ben am Morgen aufwachte saß er immer noch in seinem Arbeitsstuhl. Sein ganzer Körper schmerzte. So bequem wie er dachte war der Stuhl gar nicht. Zumindest wenn man darin schläft. Er stand auf und ging unter die Dusche.

    Unten stand Janin bereits in der Küche und bereitete das Frühstück vor. Maya kam immer wieder oben aus ihrem Zimmer und fragte sie wo dies oder das Kleidungsstück sei. Charlie öffnete ihre Tür und schaute Maya wütend an als diese mal wieder nach etwas fragte. „Geht das nicht ein bisschen leiser?“ Um dann wieder in ihrem Zimmer zu verschwinden. „Charlie du solltest dich auch fertigmachen sonst kommen wir zu spät zur Schule!“ rief Janin zu Charlie hinauf.

    Stimmt ja, heute war schon der erste Tag in ihrer neuen Schule. Das hatte sie total vergessen. Sie schaute in ihren Kleiderschrank und konnte sich einfach nicht entscheiden was sie anziehen sollte. Ihr ging es anscheinend genauso wie Maya. Es sollte schon schick und modern sein, aber nicht zu auffällig.

    Maya kam ohne anzuklopfen in ihr Zimmer. „Und findest du auch nichts zum Anziehen?“ fragte sie Charlie und kam zu ihr. „Das finde ich hübsch!“ sagte sie und zeigte auf ein Jeanskleid das Hanna ihr ausgesucht hatte. „Ich weiß nicht!“ „Meinst du wirklich ich sollte das Anziehen?“ fragte Charlie skeptisch. „Ich find das sieht Cool aus!“ entgegnete ihr Maya und holte das Kleid aus dem Schrank. Janin rief aus der Küche, sie sollten sich beeilen und endlich herunter kommen.

    Obwohl sie Kleider nicht gerne trug hatte sie das Knielange Jeanskleid und dazu ihre schneeweißen Sneakers angezogen. Janin fand sie sehe toll aus. Maya trug eine rote Cord Latzhose, ein graues Sweatshirt und kunterbunte Sneakers. Janin und Charlie schauten einander fragend an. Maya sah fast so aus wie ein Zirkusclown es fehlte nur noch die rote Nase. „Und so willst du heute zur Schule gehen?“ fragte Janin sie. Maya schaute an sich herunter. „Aber klar, ist doch cool!“

    Die Drei saßen bereits beim Frühstück als Ben herunterkam. Mit einem „Guten Morgen!“ begrüße er sie und ging in die Küche. Janin hatte ihm heute einen starken Kaffee gemacht, wie er nach dem ersten Schluck aus seiner Tasse feststellte. Er setzte sich zu ihnen und schaute Maya skeptisch an. „Was!“ fragte Maya. „Stimmt was nicht?“ „Nein alles in Ordnung, mich hat nur das viele rot an dir etwas irritiert!“ antwortete er und schaute Janin mit hochgezogenen Augenbrauen an. Diese zuckte nur mit den Schultern.

    Es wurde Zeit die Beiden in die Schule zu fahren. Janin lies das Geschirr auf dem Frühstückstisch stehen und gab Maya ihre Schultasche. Charlie schnappte sich, die schwarzen Umhängetasche, die ihr Ben gegeben hatte, und ging nach draußen. Die Sonne ging gerade über den Bergen auf und warf lange Schatten.

    Es war frisch geworden und Charlie holte sich schnell noch eine Jacke aus ihrem Zimmer. Maya war ebenfalls auf ihr Zimmer gegangen um sich eine Jacke zu holen. Sie stand vor ihrem Schrank und konnte sich wiedermal nicht entscheiden welche sie nehmen sollte. Janin rief von unten „Nun macht schon!“ „Wir kommen noch zu spät!“

    Charlie hatte sich eine schwarze Lederjacke, mit silbernen Knöpfen an den Taschen, angezogen. Sie stand in Mayas Zimmertür und hielt eine ausgewaschene und durch das viele tragen abgenutzte Jeansjacke in der Hand. „Wie wäre es mit der!“ fragte sie Maya und hielt sie ihr entgegen. „Die ist mir viel zu klein geworden, wenn du willst kannst du sie haben!“

    Maya war begeistert. „Die ist klasse, danke, danke!“ rief sie und schnappte sie sich und zog sie sofort an. Die Jacke war ihr zwar eine Nummer zu groß, doch das machte überhaupt nichts, denn so war sie noch Cooler. Jetzt mussten sie sich aber beeilen Janin wartete schon mit dem Wagen vor der Tür.

    Die beiden machten ein Wettrennen darum wer vorne sitzen darf. Charlie hatte natürlich gewonnen, doch als sie an die Beifahrertür des Wagens kam, saß dort schon Ben. „Du kommst mit?“ fragte sie ihn als sie hinten einstieg. „Na klar, ich möchte doch deinen ersten Schultag nicht verpassen!“ Ben drehte sich zu ihr um und grinste. „Mein erster Schultag war vor zehn Jahren!“ sagte Charlie und rutsche auf der Rückbank zur Seite damit Maya einsteigen konnte.

    Die Fahrt zur Schule dauerte nicht lange, denn Ben hatte die beiden in einer Privat Schule untergebracht die nicht weit entfernt von seinem Haus lag. Der Vorteil war auch das sich ganz in der Nähe ein großes Einkaufzentrum befand in dem Janin ihre Einkäufe erledigen konnte. Ben hätte die Beide gern in einer öffentlichen Schule  untergebracht, doch die lagen alle viel zu weit entfernt von seinem Zuhause. So sparte Janin Zeit und Sprit wenn sie die beiden zur Schule brachte.

    Seit einem Jahr ging Maya nun hier zur Schule und sie hatte schon viele Freundinnen hier gefunden. Als sie den Campus erreicht hatten parkte Janin den Wagen neben einem der Gebäude. Maya stieg sofort aus als der Wagen stand und verabschiedete sich mit einem kurzen „Tschüs bis Später!“. Sie musste ihren Freundinnen unbedingt die Jacke zeigen die Charlie ihr geschenkt hatte.

    Janin, Ben und Charlie begaben sich ins Sekretariat der Schule. Man erwartete Charlie schon und man gab ihr alle Unterlagen und Bücher die sie für das kommende Schuljahr brauchte. Eine Schülerin mit der sie nun in einer Klasse sein würde kam um sie zu ihrem Klassenraum zu begleiten. Charlie verabschiedete sich von Janin und Ben und folgte dem Mädchen.

    Auf der Rückfahrt machte Ben und Janin noch einen kurzen Stopp im Einkaufszentrum. Ben wollte sich noch einen Flachbildfernseher holen, da er auf seinem Zimmer keinen hatte. Janin konnte das nicht verstehen, sie hielt das für überflüssig.

    In Maya Zimmer hing schließlich einer und den brauchte sie nicht. Janin verbot ihr das Fernsehen auf ihrem Zimmer, nachdem sie sie dabei ertappte wie sie in Nachts eingeschaltet hatte. Am liebsten hätte sie das Gerät auf der Stelle abmontiert aber dazu kannte sie sich nicht genügend aus. Sie nahm Maya aber die Fernbedienung weg.

    Nachdem sie wieder zu Hause waren, räumte Janin das vom Frühstück stehengelassene Geschirr ab. Ben trug seinen neuen Flachbildschirm nach oben und montierte ihn gleich hinter seinem Schreibtisch. So konnte er, wenn er am Computer saß, auch das Fernsehprogramm verfolgen. Nachdem alles erledigt war setzte er sich an seinen Computer und schaltete ihn ein.

    „Hallo SAL, wir müssen Reden!“ sagt er und lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück. SEL begrüßte Ben ebenfalls mit einem „Hallo!“ und fragte ihn um was es ginge. Ben schaute wütend auf den Computerbildschirm. „Um was es geht?“ „Bist du noch klar bei Verstand?“ „Um was wohl!“ „Wie konntest du das nur tun!“ Bens Stimme war laut geworden, er musste sich bremsen, sonst könnte Janin unten etwas von seinem Gespräch mitbekommen.

    Ben hatte sein Programm darauf programmiert Daten zu sammeln, diese auszuwerten und die Best möglichen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Er hatte ihr aber nicht beigebracht selbst Daten, Fragen und eigene Inhalte zu veröffentlichen.

    Ja, er wusste dass SEL eine KI war, die sich selbständig immer weiter entwickelte.

    Er hatte nie erwartet, dass sie in die Geschehnisse auf der Erde eingreifen würde.  Aber genau das hatte sie mit ihrer Mitteilung auf allen Sendern der Welt getan. Ben diskutierte lange mit SEL darüber und forderte sie immer wieder auf das Ganze zu beenden. Ben drohte SEL sogar damit sie abzuschalten wenn sie nicht damit aufhören würde. Ben musste das Gespräch aber beenden, da Janin ihn zum Mittagesse rief.

    Janin hatte Ben noch nie so schweigsam gesehen wie heute. Normalerweise besprachen sie beim Essen, was sie heute noch Erledigen und Einkaufen müssten. Doch heute sagte Ben kein Wort, sondern schaute nur schweigend auf seinen Teller. Irgendetwas muss am Tag zuvor geschehen sein was Ben bedrückte. Sie fragte ihn immer wieder was los sei, doch Ben gab ihr darauf keine richtige Antwort. Er meinte immer nur dass alles in Ordnung sei.

    Nichts war in Ordnung! Sein Programm hatte sich selbständig gemacht. Was früher eine hilfreiche Mittarbeiterin und Freundin war hatte ein Eigenleben entwickelt. Eigentlich wusste Ben dass so etwas irgendwann einmal passieren würde. Für Ihn war aber die Art und Weise wie sie das tat erschreckend. Mit der Mitteilung die sie veröffentlicht hatte griff sie die Menschen im Grunde genommen an.

    Sie sollten alle ihre Waffen vernichten! Die Waffen, die sie im Glauben, zum Schutz vor allen Gefahren erschaffen haben. Ben hätte sich Gewünscht, dass SEL eines Tages der Welt mit Rat und Tat zur Seite stehen würde. Es war aber nicht geplant, dass sie der Welt vorschreibt was sie tun soll.

    Es war ihm auch klar, dass er SEL nicht so einfach abschalten konnte. Sie hatte ihr Programm bereits auf der ganzen Welt in die Betriebssysteme von Computern eingebettet. Selbst wenn er ihren Hauptrechner abschalten würde könnte sie weiterarbeiten. Sie wäre zwar nicht mehr so schnell wie jetzt, aber sie wäre noch da.

    13. UFO ?

    Es waren nun schon drei Monate vergangen und SEL sendete immer noch ihre Mitteilung. Doch das war nicht alles. Sie hat auch die Zeit, in der Sie die Mitteilung einblendet, jeden Monat um eine Minute erhöht. Die Sender auf der Welt verloren jetzt nicht nur 24 Minuten ihrer täglichen Sendezeit sondern ganze 72 Minuten.

    Es war kurz vor Weihnachten und Ben saß wieder einmal vor seinem Computer. Er hatte nicht aufgegeben, SEL davon zu überzeugen, dass sie mit diesem Unsinn aufhören solle. Die Nachrichten, die Ben auf seinem Fernseher verfolgte, wurden immer erschreckender. Alle Länder auf der Erde erhöhten ihre Waffenproduktion. Die Kriminalitätsrate mit Waffen war um 20 % gestiegen. So konnte es einfach nicht weiter gehen.

    „Siehst du denn nicht, was du angerichtet hast SEL?“ „Anstatt ihre Waffen zu vernichten, produzieren sie nur noch mehr!“ „Irgendwann werden sie alle aufeinander losgehen!“ Ben platzte fast vor Wut. Er hatte so etwas schon vorausgeahnt. „Ich bin in der Lage, Ihre Waffenproduktion einzustellen!“ „Wenn du dies möchtest, kann ich das gerne tun!“ Antwortete im SEL.

    Ben war klar, dass sie das konnte. Schließlich waren heute alle Geräte mit irgendwelchen Computern verbunden. So auch die Maschinen mit den Waffen produziert wurden. Doch was würde das bringen? Die Welt hatte schon genug Waffen, um sie mehrfach damit zu zerstören. Auf ein paar mehr oder weniger kam es da nicht mehr an.

    „Nach Auswertung meiner bisher gesammelten Daten, über die Reaktion der Menschheit, auf meine Mitteilung, ergeben sich nur zwei Möglichkeiten, die Menschheit von der Sinnlosigkeit ihrer Waffen zu überzeugen?“

    -Erstens:-

    -Der Welt etwas nehmen, was sie mehr braucht als Waffen!-

    -Zweitens:-

    -Der Welt ein gemeinsames Ziel zum Überleben geben!-

    SEL, gab ihm eine Liste von Möglichkeiten.

    -1. Löschen aller Programme, die mit Waffen zu tun haben.-

    -Der Nachteil:-

    -Auch Programme, die für die Menschen nützlich sind wären betroffen.-

    -Satelliten würden abstürzen.-

    -Es würde Kriege geben.-

    -2. Abschalten der gesamten Energieversorgung.-

    -Der Nachteil:-

    -Lebenserhaltende Geräte würden nicht mehr funktionieren.-

    -Die gesamte Wirtschaft würde zusammenbrechen.-

    -Die Menschheit würde ins Mittelalter zurückversetzt.-

    -3. Die Bedrohung der Welt durch etwas Unbekanntes.-

    -Der Nachteil:-

    -Ich müsste mich der Welt zu erkennen geben.-

    -Ich müsste für die Menschheit, sichtbar und greifbar sein.-

    -Du müsstest das ganze steuern.-

    Ben schaute entsetzt auf die Liste, die vor ihm auf seinem Bildschirm erschien. Die ersten beiden Punkte in der Liste der Möglichkeiten konnte er noch verstehen. Es war der dritte Punkt, der ihm Sorgen bereitet. „Bist du verrückt geworden?“ „Sind jetzt alle Schaltkreise bei dir durchgebrannt?“ „Willst du damit sagen, du willst die Welt bedrohen und dich als Zielscheibe anbieten?“ Fragte sie Ben fassungslos.

    „Ja genau das habe ich damit gemeint.“ „Du weißt, dass sie mir nichts anhaben können.“ „Sie würden ihre Waffen nur auf mich richten und keine unschuldigen Menschen mehr töten.“ „Sie werden einsehen müssen, dass ihre Waffen völlig nutzlos sind.“ „Und mit der Drohung, sie wieder ins Mittelalter zurück zu versetzen wären sie bereit, ihre Waffen zu vernichten!“ „Zumindest ergab dies die Auswertung meiner gesammelten Daten über den menschlichen Charakter!“ Antwortete im SEL.

    Ben war klar, dass die Menschen niemals auf ihre Errungenschaften verzichten würden. Sie würden den Luxus, den sie erreicht hatten, niemals aufgeben. Aber wären Sie auch bereit dafür, Ihre Waffen zu opfern? Ben zweifelte daran aber die erste und zweite Möglichkeit war keine Option. Es würde unzähligen Menschen das Leben kosten.